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Life Goes On

Carla Bley, Andy Sheppard, Steve Swallow

ECM/Universal 060250832063
(57 Min., 5/2019)

Wer alt ist, gilt oft als weise. Die Pianistin, Komponistin und Bandleaderin Carla Bley wurde – so ihre eigene Aussage – am 11. Mai 1936 geboren. Sie war also 83, als sie im Mai 2019 mit dem Tenor- und Sopransaxofonisten Andy Sheppard und dem Elektrobassisten Steve Swallow die drei Suiten „Life Goes On“, „Beautiful Telephones“ und „Copycat“ einspielte. Nach fast einer Stunde Spieldauer bleibt nur ein Fazit: Das Zusammenspiel der drei ist noch konzentrierter als früher und gerade dadurch ungeheuer frisch und voll kleiner, angenehmer, teilweise witziger Überraschungen.
Einen Blues haben sich die drei vorgenommen. „Life Goes On“ heißt der, und er beinhaltet nichts als die rohe, ungeschminkte Quintessenz der zwölftaktigen Form, wobei die Abmischung Swallows Bass in tiefen Passagen erdenschwer und voluminös zur Geltung bringt. Nach den zwei folgenden Abschnitten „On“ und „And On“ mündet die Suite im verhalten heiteren „And Then One Day“ – eine Zeile, die Bley in einem Gedicht im Booklet noch um drei Punkte ergänzt, also mehr oder weniger offen auf den Tod anspielt, den sie in der Komposition durch sanftes Ausdünnen des musikalischen Geschehens symbolisiert.
Da Carla Bley mit ihren 83 Jahren immer noch fit und zu subtilem Spott fähig ist, muss sie in „Beautiful Telephones I–III“ noch dem amerikanischen Präsidenten eins auswischen. Damit spielt sie auf die nach außen aufgesetzte Tölpelhaftigkeit des überaus erfolgreichen Reaktionärs an, der – so berichtet die New York Times – beim Betreten des Oval Offices das Telefon für Geheimgespräche, das weniger abgeschirmte für reguläre Gespräche und sein Handy als „the most beautiful phones I’ve ever used in my life“ bezeichnet hatte. Bedächtig durchmessen Bley und Swallow den Raum, bis Sheppard auf dem Tenorsaxofon herumschweigende Klänge hinzubringt. Im dritten Kapitel karikieren Bley, Swallow und Sheppard schließlich die Unstetigkeit und den plakativen Nationalismus des Präsidenten, indem sie im relativ belanglosen Fluss plakative Motive wie „Glory Hallelujah“, „Star Sprangled Banner“ als Eckpunkte Trump’schen Denkens aufblitzen lassen, bevor das Stück in einem traurigen Nichts erlischt.
Nach solch subtiler Präsidentenkritik befasst sich das dreiteilige „Copycat“ mit dem innermusikalischen Problem, wie thematische Gedanken innerhalb des Trios weitergereicht und mit Variationen oder neuen beantwortet werden können. Hier gilt wie auf der gesamten Disc: Kein Ton ist zu viel. Die kühle Klangpracht des Basses, die klare Strahlkraft der Saxofone und die hart konturierten Klaviertöne sowie die prägnanten Themen und ihre Variationen erschaffen eine Atmosphäre zwischen Zerbrechlichkeit und Energie. Möge Carla Bley noch ein Ende der Trump-Ära erleben!

Werner Stiefele, 15.02.2020



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