Responsive image

Golden Age

Frederik Köster, Die Verwandlung

Traumton – Indigo/375 Media 05181442
(52 Min., 5/2019)

Schon das Eröffnungsstück „Fanfare – For The Right Reason” macht unmissverständlich klar, dass es sich bei Frederik Köster nicht um einen der typischen Trompeten-Schamanenbläser handelt, die schon seit einiger Zeit im europäischen Jazz den weltentrückten Ton angeben. Kösters Wurzeln liegen vielmehr bei Kraftpaketen wie Freddie Hubbard, Woody Shaw oder Randy Brecker.
Und von Letzterem hat sich der gebürtige Sauerländer auch einiges für die vierte Einspielung seines Quartetts „Die Verwandlung“ abgeschaut: etwa den Einsatz von elektronischen Verfremdungsmöglichkeiten. Oder das coole Agieren in stark rhythmisierten Jazzrock-Kontexten, die von Kösters Mitstreitern (Sebastian Sternal an Klavier und Rhodes, Joscha Oetz am Kontrabass und Jonas Burgwinkel am Schlagzeug) fabelhaft intensiv ausgestaltet werden.
Zwar hat das Quartett im Laufe seiner bislang vier Einspielungen noch nie so viel Gebrauch gemacht von Synthesizern und Effekten wie Echo oder Ringmodulator wie nun auf „Golden Age“. Dennoch liegt das entscheidende Merkmal der Aufnahme jenseits der Klanggestaltung. Es ist das virtuose Patchwork aus regional und historisch höchst disparaten Elementen, das dafür sorgt, dass man als Hörer ständig unter Strom steht.
Filigrane Jazzballaden wie „Cast Me From Your Spell“, die von „Fahrstuhl zum Schafott“-Zeitlosigkeit oder Kenny Wheelers Kompositionsdelikatesse künden, wechseln sich ab mit arabesken Song-Exkursionen, in denen Köster seine Trompete deftig keckern oder in Vierteltönen sprechen lässt. Und irgendwie hängt alles miteinander zusammen: der Geist Coltranes, der sich einem Zitat von „Pursuance“ aus der „Love Supreme“-Suite manifestiert, die krummen Takte der Levante, die Sounds der 1980er und 1990er oder auch die popjazzige Gedichtvertonung (zum Abschluss des Albums singt Köster zuerst sanft William Blake und sticht einem dann mit einem langgezogenen spitzen Trompetenton zu Beginn seines Solos mitten ins Herz).
Angesichts der ständigen organischen Verwandlungsfähigkeit, die das Quartett auf „Golden Age“ zeigt, kann man nur sagen: Die Truppe trägt ihren Namen vollkommen zu Recht.

Josef Engels, 15.02.2020



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Erstens kommt es anders: Die Vielzahl der Initiativen klassischer Musik, die gerade auf die in selbstgewählter Isolation befindlichen Freunde dieser Musik einstürmt, ist enorm. Wäre die Lage der meisten freien Musikerinnen und Musiker nicht so verzweifelt angesichts der Veranstaltungsabsagen, könnte man sich ungetrübt über die Frische und Begeisterung freuen, die da zutage tritt. Auch das RONDO ist nicht unverschont geblieben – da Einzelhandel und Bibliotheken geschlossen sind, wollen […] mehr »


Top