Das nennt man puren Sänger-Luxus, den sich das Produktionsteam für die Neueinspielung von Georg Friedrich Händels italienischer Oper „Agrippina“ da gegönnt hat. Nicht nur sind selbst die nur halbwegs tragenden Rollen erstklassig besetzt. Auch für die nur einmal und das ganz zum Schluss auftretende, dem Happy-End ihren Segen gebende Göttin Juno hat man sich nicht lumpen lassen und sich mit Marie-Nicole Lemieux eine Power-Altistin gegönnt. Auf dem Papier macht so ein handverlesenes Vokalisten-Team natürlich etwas her. Doch wie oft wurde man schon enttäuscht, lagen Welten zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Im Fall des Polit-Dramas und Intrigantenstadels „Agrippina“, das 1709 in Venedig uraufgeführt wurde, hat sich jedenfalls vieles erfüllt, was man sich erhofft hat. Für die Titelpartie der machtbesessenen Kaiser-Gattin, die ihren Sohnemann Nero auf den Thron heben will, bringt die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato von balsamischer Erlesenheit bis zur furienhaften Attacke alles mit, um stimmschauspielerisch zu fesseln und zu betören. Eine absolute Ohrenweide ist gleichermaßen der Countertenor Jakub Józef Orliński, der mit seinem bittersüßen Timbre als Ottone die reine Sehnsucht verkörpert. Und die Sopranistin Elsa Benoit brilliert als Poppea auch luftig, leicht und ein wenig Bartoli-like. Dass dagegen der etwas zu hölzern wirkende Bass-Bariton Luca Pisaroni (als Claudius) sowie der etwas zu überdreht wirkende Countertenor Franco Fagioli (als Nero) nicht ganz an das Niveau ihrer Kollegen heranreichen, überrascht, schmälert aber nicht das Vergnügen und die Begeisterung an dieser Gesamteinspielung. Zumal das von Maxim Emelyanychev geleitete Ensemble Il Pomo d’Oro mit seinem Temperament bei gleichzeitiger Spielkultur einmal mehr seinen Ruf als aktuell beglückendstes Barockopern-Orchester bestätigt.

Guido Fischer, 22.02.2020



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