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Olga Neuwirth

…miramondo multiplo…, Remnants of Songs, Masaot/Clocks without Hands

Håkan Hardenberger, Antoine Tamestit, Gustav Mahler Jugendorchester, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Wiener Philharmoniker, Ingo Metzmacher, Susanna Mälkki, Daniel Harding

Kairos/Note 1 0015010KAI
(65 Min., 2009, 2012, 2015)

Wie aus dem Nichts schlängeln sich auf der Bratsche kaum hörbar metallene Klangfäden hinein. Immer wieder werden sie von der Stille verschluckt. Bis sie es erneut und sich zu behaupten versuchen. Doch auf einmal fährt der Solo-Stimme kurz und knackig ein Gemisch aus Blechbläsern und Ratsche in die Parade. Worauf die Bratsche mit wilden Glissandi herumzuirren beginnt und ihre Bahnen vorbei an musikalischen Ahnen und durch verschiedenste Epochen zieht. Hier flackert ein Zitat aus Bachs Matthäus-Passion auf. Dort erklingt „As Times Goes By“. Und auch in den vier nachfolgenden Sätzen des etwas anderen Viola-Konzerts „Remnants of Songs … An Amphigory for Viola and Orchestra“, das Olga Neuwirth 2009 für Antoine Tamestit geschrieben hat, wehen merkwürdige Walzer-Klänge, Strawinsky-gleiche Attacken oder Balkan-Folklorismen hinein.
Es sind immer wieder solche musikalischen Erinnerungsfetzen, mit denen die Österreicherin Neuwirth sich ihrer Herkunft und ihrer musikalischen Sozialisation zu vergewissern scheint. Zugleich aber fehlt solchen Klang-Memorabilia diese pathetisch-nostalgische Schlagseite, mit der gewöhnlich ähnlich angelegte musikalische Rückblicke dann einfach nur ins Banale abdriften. Neuwirths Umgang mit der Vergangenheit besitzt dagegen auch dank des oftmals großorchestral unkalkulierbaren Umfelds immer etwas Aufwühlendes, Schmerzvolles, Menschliches. Was so gleichermaßen auch auf das 2013 für die Wiener Philharmoniker komponierte rein orchestrale Stück „Masaot/Clocks without Hands“ zutrifft – mit all seinen spannungsvollen Kräften aus zerklüftet anmutender Abstraktion und auch den Anleihen aus der osteuropäisch-jüdischen Musik. Diese beiden Werke wie das mit Jazz-Aromen gefütterte Trompetenkonzert „…miramondo multiplo…” liegen nun in Aufnahmen mit jeweils den Uraufführungsinterpreten vor. Und so wie Antoine Tamestit mit den Wiener Philharmonikern die hochkomplexen Klangwelten Neuwirths beeindruckend sinnlich und transparent gestaltet, so gilt das ebenbürtig für den Trompeter Håkan Hardenberger. Obwohl sein Part dann doch noch wesentlich schillernder, burlesker, grotesker ausgefallen ist.

Guido Fischer, 22.02.2020



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