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N° 1220
25.09. - 01.10.2021

nächste Aktualisierung
am 02.10.2021



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Robert Schumann

„Poetica“ (Dichterliebe op. 48 u. a.)

Claudio Bohórquez, Péter Nagy

Berlin Classics/Edel 0301282BC
(81 Min., 12/2018)

Im Jahre 1996 veröffentlichte der Cellist Mischa Maisky ein Album mit dem Titel „Songs without words“. Es enthielt eine Reihe von Schubert-Liedern, deren Melodie Maisky auf dem Cello spielte. Die Klavierbegleitung entsprach derjenigen von Schubert, dem Gesangspart allerdings fehlte etwas Wesentliches: die Sprache. Freilich, mit dem Titel der CD verwiesen die Künstler darauf, dass es in der Romantik durchaus die Gattung „Lieder ohne Worte“ gibt – man denke an Felix Mendelssohns gleichnamige Sammlung von Klavierstücken. Aber dennoch: Diese „Lieder“ sind von vornherein ohne Worte komponiert, für Kunstlieder von Schubert jedoch darf man sich den zugrunde liegenden Text als direkte Inspirationsquelle vorstellen. Was aber, wenn „Lieder ohne Worte“ auch einen Text als Inspirationsquelle hätten, der eben nur in der Komposition nicht auftaucht …?
Man kann sich über das Verhältnis von Wort und Musik in der Romantik und über die Frage, ob es statthaft sei, Kunstlieder einfach ohne Sänger – und damit ohne Text – aufzuführen, so wie es Claudio Bohórquez und Péter Nagy hier auch tun, lange den Kopf zerbrechen. Der Autor dieser Zeilen tendiert eher dazu, letztere Frage mit „Nein“ zu beantworten. Wenigstens hätte man sich diesen Diskurs aber als Einführungstext im Beiheft gewünscht. Dort jedoch ist Schumanns „Dichterliebe“ – sie wird auf dieser CD vom Cello „gesungen“ – einfach als Liederzyklus besprochen, als enthielte das Album eine gesungene Darbietung. Zur Rechtfertigung eines solchen Experiments ist das ein bisschen wenig. Schumanns „Dichterliebe“-Gesänge sind teilweise geradezu aphoristisch kurz. Sie sind, etwa im Falle von „Die Rose, die Lilie, die Taube, Sonne“, teils extrem deklamationsorientiert komponiert. Inwieweit lässt sich diese Qualität ohne Worte wiedergeben? Wer die vorliegende Version der Lieder aus sängerischer Perspektive hört, wird womöglich hier und da beeindruckt sein, was ein Cello in puncto Stringenz der Linienführung, Legato und gleichbleibender Klagfarbe zu leisten vermag. Aber gleichzeitig ist für den, der die Lieder mit Text kennt, auch klar: Der Text fehlt. So manche melodische Phrase ergibt ohne die Worte, die genuin zu ihr gehören, keinen Sinn. Hätte Schumann, wenn er selbst eine instrumentale Bearbeitung geschaffen hätte, nicht den Gesangspart vielerorts erheblich verändert, um ihn Instrumenten-affin zu machen?
Insofern ist das Programm dieser Aufnahme, so sehr es unter dem Begriff „Poesie“ auch die unterschiedlichen Gattungen zusammenfassen will, nicht wirklich schlüssig. Im Falle der übrigen Stücke nämlich, die (mit Ausnahme von „Der Dichter spricht“ aus den „Kinderszenen“) jeweils für ein Soloinstrument mit Klavierbegleitung komponiert sind, stellt sich die Frage nach der Sprache nicht. Außerdem hat Schumann den Interpreten teilweise mehrere Soloinstrumente zur Auswahl angeboten. Hier mag man also mit einer gewissen besetzungstechnischen Freiheit zu Werke gehen. Aber im Falle der „Dichterliebe“ bleibt diesbezüglich ein großes Fragezeichen zurück.

Michael Wersin, 04.04.2020



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