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Ludwig van Beethoven

Klaviersonaten opp. 109–111

Maurizio Pollini

DG/Universal 4838250
(56 Min., 6/2019)

Vor knapp einem halben Jahrhundert, im Juni 1975, läutete Maurizio Pollini seine Gesamteinspielung der Beethoven-Klaviersonaten mit zwei der drei letzten ein – mit der E-Dur-Sonate op. 109 sowie op. 110 in As-Dur (die Einspielung der c-Moll-Sonate folgte dann 1977). Im Münchner Herkulessaal gelang dem Beethoven-Interpreten Pollini aus dem Stand heraus eine Großtat. Fernab aller Tiefschürferei und dank einer Technik, die das gedanklich noch so Verschachtelte und Komplexe leicht und locker erscheinen ließ, präsentierte der Italiener damals einen klassizistischen und zugleich zeitlos modernen Beethoven. Auf den Monat genau 44 Jahre später war Pollini erneut im Herkulessaal zu Gast. Und diesmal widmete er sich den drei letzten Klaviersonaten unter Live-Bedingungen. Zuallererst ist dieser Konzertmitschnitt ein eindrucksvolles Dokument eines inzwischen 78-jährigen Pianisten, der hier all jenen Kritikern widerspricht, die ihm in den letzten Jahren immer wieder manuelle Unzulänglichkeiten attestiert hatten. Aber erstens war Pollini nie ein Super-Pianist. Und zweitens würde selbst diesen wie nun auch Pollini etwa im Prestissimo-Satz der E-Dur-Sonate live so manch verrutschte Note unterlaufen. Nun geht er diese Kurzstrecke (übrigens auf die Sekunde genau wie 1975) mit offenem Visier, stürmischer Energie und einer bravourösen Souveränität an – und macht damit nebenbei deutlich, dass man als gereifter Interpret, der stramm auf die Achtzig zugeht, nicht zwangsläufig leicht wehmütig und nostalgisch werden muss.
Und auch da, wo Beethoven sich als begnadeter Melodiker vor dem Herrn zeigt, verfällt Pollini nicht ins Pathos, ins Sentimentale oder gar Jenseitige. Bei ihm spricht alles aus der Musik heraus; muss er nicht hörbar gestalterisch „klug“ nachhelfen, um all den Stimmen und Stimmungen Raum zu geben, mit denen Beethoven ungeahnte Klangräume möglich machte. So klingt denn diese packende, nahtlos an Pollinis schon längst legendäre Aufnahme anknüpfende Beethoven-Stunde, auch schnörkellos, nur dem Notenbild verpflichtet aus. Nach all den 32-tel-Ketten streut Pollini vor den Schlussakkorden nicht etwa noch rasch eine retardierende Kunstpause ein, sondern entlässt den beeindruckten Hörer einfach ins Nichts. Die Arbeit am „Mythos“ Beethoven überlässt Pollini anderen. Ihn interessiert nur der Komponist.

Guido Fischer, 11.04.2020



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