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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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Erich Wolfgang Korngold

„Das Wunder der Heliane“, „Fairytale Pictures“ u. a.

Bruckner Orchester Linz, Caspar Richter

Capriccio/Naxos C7350
(250 Min., 1999–2003) 4 CDs CDs

Wunder der grenzenlosen Kreativität: Zeitlebens scheint Musik aus Erich Wolfgang Korngold nur so herausgeflossen zu sein. Filmaufnahmen aus seinem letzten Lebensabschnitt (er war zu jener Zeit ein überaus gefragter Filmmusik-Komponist mit Wohnsitz in Beverly Hills), die ihn am Klavier improvisierend zeigen, belegen seine faszinierende Erfindungsgabe. Korngolds Leben entfaltete sich dennoch nicht als ungetrübte Erfolgsstory, sondern erfuhr durch den Nationalsozialismus eine schwerwiegende Brechung: Korngold, geboren in Wien, musste als Jude seine Heimat Ende der 1930er-Jahre verlassen. Seine Erfolge in Amerikas Filmindustrie sind seiner schier unbegreiflichen kompositorischen Virtuosität zu verdanken: Mit leichter Hand vermochte er seinen farbenreichen spätest-romantischen Stil dem Musik-Bedarf der Filmbranche in ihrer größten Zeit anzuverwandeln. Legendär sind die Geschwindigkeit und Zielsicherheit, mit der er musikalisches Material auf Filmszenen jeglicher Länge und dramatischer Struktur zuzuschneiden vermochte, zunächst direkt am Klavier improvisierend, dann das ad hoc Entstandene in Windeseile und mit höchstem Geschick orchestrierend. Sein persönliches Scheitern bahnte sich erst in der Zeit nach dem Krieg an und geschah freilich auf allerhöchstem Niveau: Der Versuch, in Österreich Ende der vierziger Jahre wieder Fuß zu fassen, misslang auf traumatisierende Weise, und Korngold vermochte sich von diesem Schock wohl nie zu erholen.
Und so repräsentiert die bunte Sammlung von Orchestermusik sowie orchesterbegleiteter Vokalmusik Korngolds, die das Bruckner Orchester Linz zwischen 1999 und 2003 eingespielt hat, eins zu eins die bunte Lebensrealität dieses außergewöhnlichen Komponisten: Werke des Kindes Korngold, entstanden ab seinem elften Lebensjahr (z. B. „Der Schneemann“) stehen neben wehmütigen Reminiszenzen der Spätzeit (so etwa die „Straussiana“ von 1953). Filmmusik und Konzertrepertoire sind nicht immer eindeutig zu trennen, wie die Genese des hörenswerten Cellokonzertes von 1946 zeigt. Gänzlich Unbekanntes (man höre etwa die Tondichtung „Tomorrow“) steht neben Vertrauterem (das Vorspiel zum zweiten Akt der „Toten Stadt“). Man hört, hört, staunt – und beginnt zu grübeln: Eigentlich war Korngold der geborene Filmmusikkomponist, zu einer Zeit, als Filmmusik ihre Herkunft von der Klassik noch überhaupt nicht verleugnete. Korngolds Können ist eine der vielen Brücken zwischen dem alten, in den Weltkriegen versinkenden Europa und der neuen Welt. Das ist ein großartiger Beleg für die Wandlungsfähigkeit und Grenzenlosigkeit der musikalischen Kunst. Ein Jammer, das Korngold letztendlich genau an diesem Phänomen zerbrochen zu sein scheint.

Michael Wersin, 18.04.2020



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