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„Vanishing Points” (The C.O.B. Plays The Music Of Dirk Strakhof)

The Composers' Orchestra Berlin

JazzHausMusik/Galileo JHM271
(62 Min., 10/2019)

Davon träumen viele: Dass ein Orchester die eigenen Kompositionen spielt – und zwar nicht nur hin und wieder eine, sondern ein ganzes Programm mit den Werken gestaltet. Dirk Strakhof, Bassist des von Hazel Leach geleiteten Composers' Orchestra Berlin (C.O.B.), zählt zu den Glücklichen, zumal es sich bei dem in der Grundbesetzung zehnköpfigen Jazzensemble plus Streicher um eine eingespielte, sorgfältig interpretierende Formation handelt.
Die ungewöhnliche Ergänzung, meist ein Streichquartett, einmal nur ein Trio und einmal ein Quintett, bietet ihm die Gelegenheit, Klänge jenseits des im Jazz ansonsten Üblichen zu verwirklichen. Dass er den ersten Titel „Passacaglia“ Johann Sebastian Bach widmete, unterstreicht Strakhofs Anspruch, eine Art von jazzbeeinflusster Konzertmusik zu schreiben.
Die Stücke entstanden innerhalb von acht Jahren für das C.O.B., bevor sie auf einer CD vereinigt wurden. Es wäre ein Wunder, wenn sie sich bei einer derart langen Zeitspanne nicht stilistisch unterschieden. Tatsächlich ist das auf „Passacaglia“ folgende „Dolphin’s Lair“ ein Spiel mit Wellenbewegungen, aus denen sich Christoph Titz mit einem weichen, atemreichen Flügelhornsolo löst – Strakhof hat die Komposition dem Trompeter Kenny Wheeler gewidmet. Ein wenig Politik spielt auch mit hinein: Das tänzelnde „Tahrir Square“ widmete Strakhof dem arabischen Frühling von 2011, in dessen Verlauf der ägyptische Präsident Husni Mubarak gestürzt wurde.
In „Dos Danzas“ kombiniert Strakhof hingegen arabisch anmutende Percussion mit Geigenfiguren, die in der Filmmusik für orientalisches Flair stehen, und in „Billy Goes Up The Hill“ bringt er heitere Countryfiguren ins Spiel. Die „Four Steps Into The Dark“ hingegen führen vom gespenstischen Flirren über den Dialog von Statischem und Bewegung zu einem hoffnungsvollen Finale. Der „Orkan“ braut sich aus Gesäusel über die Stille vor dem Sturm zu einem orchestralen Getümmel, das in einer neuen Struktur mündet. „Belphégor“, zu dem ihn die 1965 gedrehten Krimiserie „Belphégor oder das Geheimnis des Louvre“ inspirierte, vermengt Klangspitzen, wie sie für die Filmmusik der 1960er-Jahre typisch waren, mit Sounds der Gegenwart. Das programmmusikalische „Vom Verschwinden“ führt von einem Streicher-Urgebräu über eine melancholische Orchesterpassage zum langsamen Verebben der Musik.
Strakhof, das wird deutlich, verfügt über eine vielfältige Klangsprache, die nicht nur – wie es der Albumtitel behauptet – „Vanishing Points“, also Fluchtpunkte setzt, sondern eine breite Spanne atmosphärischer Klangbilder umfasst.

Werner Stiefele, 18.04.2020



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