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Ludwig van Beethoven

Streichquartette opp. 132 & 130/133

Tetzlaff Quartett

Ondine/Naxos ODE 1347-2D
(73 Min., 9 & 10/2019)

Wie nähert man sich den Spätwerken großer Komponisten? Mit größtmöglicher Ehrfurcht oder mit größtmöglicher Spielfreude und Unbefangenheit? In den meisten Fällen scheint die weihrauchumwölkte Herangehensweise die falsche, denn in der Regel sind die Meister beim Komponieren ihrer Spätwerke – wenn sie nicht gerade direkt auf dem Sterbebett daran gearbeitet haben – ja nicht davon ausgegangen, dass ihr Ableben unmittelbar bevorsteht. Der allzu ehrfürchtige Spätwerk-Mythos ist also oftmals eine romantische Projektion, in früheren Zeiten häufig befördert durch unbelegte Legenden und wenig exaktes Wissen über die konkreten Schaffensprozesse. Andererseits freilich kommen späte Werke meistens sehr wohl als Konzentrat oder gar als Sublimat kompositorischen Könnens daher und stellen die Interpreten daher durchaus vor ganz besondere Aufgaben. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt man sich, wenn man sich Beethovens Streichquartette op. 130/133 und 132 vorgenommen hat. Entstanden sind diese Werke 1825 bis 1826. Beethoven arbeitete im Zustand völliger Taubheit, ernsthafte Erkrankungen prägten zu jener Zeit schon seinen Alltag. Gleichzeitig steigerte sich seine Kreativität und Originalität noch einmal beträchtlich: Die neuartige Verbindung von Streichquartett und Choral (op. 132) oder Streichquartett und Fuge (op. 130/133) zeugt von einer tiefgreifenden Auseinandersetzung auch mit traditionellen Formen und mit der Idee des Verbindens von Neuem und Altem im Sinne des Aktualisierens und Grenzen Überschreitens. Es ist beeindruckend, wie das Tetzlaff Quartett in seinem Umgang mit dieser Musik höchst sicher auf dem schmalen Grat zwischen Unbefangenheit und Verantwortungsbewusstsein wandelt: Christian Tetzlaff und seine drei Kolleginnen präsentieren einerseits eine faszinierend konzentrierte, bis in den letzten Winkel durchdachte Interpretation dieser so ungeheuer dichten Musik, andererseits jedoch erfreuen sie mit einer lebendigen Frische in der Tongebung, die jegliche Spur von Ergrauung schon im Ansatz tilgt. Damit überwinden sie die hochbedeutsame Interpretations-Historie dieser Stücke, ohne sie leugnen zu müssen. Sie heben diese Musik, die Beethoven im Zustand völliger Ertaubung wohl ohnehin ganz und gar in einer geschlossenen geistigen Innenwelt erdacht hat, zu einer zeitlosen Jugendlichkeit im Erklingen empor, die sie von jeglicher Schlacke altersweiser Verknöchertheit frei sein lässt. Dieser Ansatz sei mit einem herzerfüllten „So muss es sein“ belobigt.

Michael Wersin, 25.04.2020



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