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Modest Mussorgski, Maurice Ravel

Bilder einer Ausstellung / La Valse

Les Siècles, Franҫois-Xavier Roth

harmonia mundi HMM 905282
(44 Min., 11/2019)

Die „historisierende Aufführungspraxis“ hat sich schon zu einem frühen Zeitpunkt der Geschichte nicht mehr allein auf die sogenannte „Alte Musik“, das Repertoire der Renaissance- und Barockzeit beschränkt, sondern ist weiter vorangeschritten durch die anschließenden Epochen bis ins 20. Jahrhundert hinein. Ein besonders interessanter Aspekt hierbei war, dass irgendwann der Moment erreicht wurde, in dem man historisierende Neuproduktionen mit tatsächlichen historischen Aufnahmen vergleichen konnte. Natürlich darf man nicht vergessen, dass sehr frühe Einspielungen aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wegen der seinerzeit noch in ihrer Frühphase befindlichen Aufnahmetechnik kein authentisches Bild davon vermitteln, wie es wirklich live geklungen haben mag – zumal wenn ein größerer Orchesterapparat involviert ist. Aber dennoch: Agogik, Spieltechnik und andere Parameter bieten doch ein breites Spektrum an Vergleichsmöglichkeiten, und freilich lässt sich der grundsätzliche Charakter instrumentaler Farben im direkten Vergleich auch einschätzen.
Franҫois-Xavier Roths faszinierende historisch orientierte Auseinandersetzung mit der Musik Maurice Ravels geht mit dem vorliegenden Album in die dritte Runde. Hier nun sind es „La Valse“ und die „Bilder einer Ausstellung“ (das heißt Maurice Ravels Orchesterfassung), die Roth mit dem auf Instrumenten der Zeit spielenden Musikern des Ensembles Les Siècles produziert hat. Für sich genommen begeistert Roths Einspielung vom ersten Moment an durch die klangfarbliche Differenziertheit und Prägnanz, bezogen etwa auf die eigenständige Qualität jeder Instrumentengruppe: Blechbläser, Streicher und Holzbläser haben stärker als in vielen modernen Orchestern je ihren ganz eigenen Charakter, den sie auch in den unterschiedlichsten Vermischungen der Register dergestalt beibehalten, dass klangliche Tiefenschärfe statt Einheits-Sound entsteht. Den Blechbläsern ist gleich am Beginn des Stücks eine staunenswerte schlackenfreie Klarheit zu eigen, sie strahlen jenseits jeglicher platter Blech-Attitüde. Das Holz erfreut durch die knackige Sonorität, die besonders den Oboen zu verdanken ist.
Will man nun eine alte Aufnahme zum Vergleich heranziehen, bietet sich etwa diejenige von Sergei Kussewizki aus dem Jahre 1930 an: Kussewizki war Anfang der 1920er-Jahre Auftraggeber der Orchesterbearbeitung gewesen und hatte einige Jahre lang die alleinigen Aufführungsrechte inne. Er nahm das Stück mit nach Amerika, wo er Leiter des Boston Symphony Orchestra wurde und den Zyklus 1930 mit diesem Orchester aufnahm. Der Vergleich zwischen dieser und Roths Einspielung offenbart nun wiederum Interessantes ganz anderer Art: Forscher und vibratoreicher treten bei Kussewizki gleich zu Beginn die Blechbläser ins Geschehen. Filigraner, negativ gesprochen aber auch dünner und fadenscheiniger, klingen etwa die Oboen. Auf Streicherebene gelang 1930 manches noch ein wenig differenzierter und plastischer als bei Roth. Insgesamt jedoch scheinen die klanglichen Unterschiede zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Instrumentarium jener Zeit die entscheidende Rolle zu spielen. Unter dem Strich zeigt sich: Gerade der Vergleich mit einer wirklich historischen Einspielung zeigt, dass die „historisierende Aufführungspraxis“ sich in vieler Hinsicht deutlich zwischen den Zeiten bewegt: Sie setzt sich ab von dem, was der heutige Mainstream bietet, aber sie kann und soll das tatsächlich Alte nicht zur Gänze imitieren oder kopieren.

Michael Wersin, 02.05.2020



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gemihaus
Clarté? Ein feinsinniger Schlaumeier, der im akustischen Sumpf einer 1930er Aufnahme aus Boston das Gras wachsen hört und seine Funde dort der 'hist.- aufgeklärten' wie high-fi-musizierten Einspielung des Mussorgsky-Ravel-Bilderzyklus von Xavier Roth gegenüberstellt ... Zwar klingt Roths Bilder-Ravel strukturell-transparent und im Detail höchst fein ausgehört und gezeichnet, jedoch als farbiger Prospekt eher etwas grau-eindimensional, ev. im Sinn des kantigen Klavier-Originals, weniger des Arrangeurs und Klangfarbenmagiers Ravel ... und Szenenwechsel, besonders die vom Limoges-Markt zu den 'Catacombae' und zu den 'lamenti in lingua mortua', klingen doch schlichtweg etwas kurzatmig unterbelichtet. Schön, clarté alles, und was sonst?




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