„Blindekuh“ – eigentlich ein griffiger, origineller Operettentitel. Johann Strauß Sohn hat er freilich kein Glück gebracht. Sein sechstes Werk für das heitere Musiktheater, uraufgeführt 1878 im Theater an der Wien, ist gleichzeitig auch eines seiner unbekanntesten. Jetzt immerhin hat man bei der nach Vollständigkeit dürstenden Firma Naxos eine auf konzertanten Aufführungen in Sofia beruhende Erstaufnahme zu bieten. Und die hört sich sehr fein an. Wobei, das Libretto, Verwechslungen um einen falschen Cousin aus Amerika, der die Tochter eines Landgutbesitzer heiraten soll, so konfus ist, dass man sich wirklich mit der finalen Enthüllung, alles sei eben nur ein Blindekuh-Spiel gewesen, begnügen sollte. Doch dafür macht die Musik umso mehr Spaß. Am berühmtesten unter den diversen Nummern, die der geschäftstüchtige Strauß nach dem Misserfolg für seinen Werkkatalog an Tänzen ausschlachtete, ist der Walzer „Kennst Du mich?“. Den hat nämlich wiederum der Bearbeiter Ralph Benatzky für den Nonnenchor der Instant-Strauß-Operette „Casanova“ verwurstet. Doch es finden sich neben einer temperamentvollen Ouvertüre und zwei langen Kettenfinali auch pikante Arien, belcantistische wie Buffo-Duette, Märsche und zündende Ensembles. Die werden von der zusammengewürfelten Sängertruppe leidlich vorgetragen, auch die bulgarischen Kollektive entwickeln schönes Operettentemperament. Welches der Metier-versierte Dirigent Dario Salvi mit variantenreichen Tempi zu zügeln wie zu bändigen weiß. So begegnet man hier keinem unbekannten Meisterwerk, aber doch einer gern gehörten Ergänzung des Strauss-Œuvre.

Matthias Siehler, 02.05.2020



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