Im zarten Alter von 16 Jahren muss Friedrich Gulda bereits ein reifer Meister seines Fachs gewesen sein. Nicht nur, weil er beim Genfer Musikwettbewerb die Siegertrophäe abräumte. Glaubt man den überlieferten Ohrenzeugenberichten vom Preisträgerkonzert sowie Guldas Debüt im Wiener Musikvereinssaal, beeindruckte er in jenem Jahr in Beethovens 4. Klavierkonzert mit dieser Mischung aus Erlesenheit, Innigkeit und Vitalität, mit der er fortan auch seinen eigentlichen Hausgott Mozart feiern sollte. Das G-Dur-Klavierkonzert Beethovens blieb für Gulda ein lebenslanger Begleiter. Trotzdem spulte er es selbst in einer Zeit, in der er seine Finger längst erfolgreich in Richtung Jazz ausgestreckt hatte, nie en passant runter. Dementsprechend ist der Live-Mitschnitt eines Konzerts, das er im Februar 1960 zusammen mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter Hans Müller-Krey in Stuttgart gegeben hat, ein weiteres Highlight in der Diskografie des Beethoven-Interpreten Gulda.
Zu finden ist die Aufnahme in einer 3 CD-Box, für die der Südwestrundfunk erneut seine Archive nach Gulda-Tondokumenten durchforstet hat. Und nachdem die 2019 veröffentlichte 1. Folge mit fulminanten bis skurrilen Solo-Recitals aufwarten konnte, stehen jetzt vor allem Klavierkonzerte aus dem Zeitraum 1959 bis 1962 im Mittelpunkt. Neben Beethovens Viertem ist Gulda mit den drei großen Mozart-Konzerten KV 449, KV 488 & KV 491 zu erleben. Und wie in seinen späteren, legendären Mozart-Aufnahmen mit Claudio Abbado ist es diese weniger künstlerische als vielmehr menschliche Vertrautheit und Nähe zu diesem Komponisten, die sein Mozart-Spiel so einzigartig macht. Von Mozarts zeitloser Größe schwingt aber tatsächlich auch etwas in Haydns bekanntem D-Dur-Klavierkonzert mit, das Gulda 1962 einspielte. Und nach der brillanten und mit reichlich wienerischem „Hüftschwung“ hingelegten „Burleske“ von Richard Strauss verwandelte er sich in der Zugabe, Debussys Prélude „Feux d´artifice“, in einen pianistischen Pyrotechniker vom Allerfeinsten. Kein Wunder, dass er 1946 in Genf auch mit diesem Stück die Konkurrenz deklassierte.

Guido Fischer, 16.05.2020



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