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Silk Songs For Space Dogs

Potsa Lotsa XL

Leo Records/Galileo CD LR 878
(52 Min., 5/2019)

Die ersten 75 Sekunden der Disc lassen Hard-Core-Free-Jazz erwarten. Doch dann beginnt die Rhythmusgruppe im Opener „Max Bialystock“ mit festem Beat zu swingen. Von nun an treffen sich wohlgesetzte Bläser und etwas sprunghaftere, freie Solisten in einem Arrangement, das verrät, wie sehr sich die Komponistin, Bandleaderin und Altsaxofonistin Silke Eberhard mit den Sounds von Duke Ellington und Charles Mingus sowie der Themenbehandlung von Eric Dolphy auseinandergesetzt hat.
Ihr Tentett „Potsa Lotsa XL“ ist der lebendige Beweis dafür, dass sich das Wurzeln in der Tradition und klanglicher Wagemut nicht etwa ausschließen, sondern sogar vortrefflich ergänzen können. Gunther Schullers 1960 eingespieltes Album „Jazz Abstractions“ bildet einen weiteren Bezugspunkt ihres Denkens: Der hatte darauf mit „Variants on a Theme of John Lewis (Django)“ und „Variants on a Theme of Thelonious Monk (Criss-Cross)“ und anderen Stücken seine Vorstellungen von einer Fusion aus europäischer Konzertmusik und Jazz verwirklicht. Damals mit dabei: Die Jazzsaxofonisten Ornette Coleman und Eric Dolphy sowie weitere Größen der Jazz-Avantgarde vor 60 Jahren.
Dieser Anspruch, Konzertmusik jenseits des Jazz-Mainstreams zu schreiben und doch im Genre des Jazz zu bleiben, spiegelt sich ebenso wie der Bezug auf Eric Dolphy im gesamten Album. Unter anderem erinnern Passagen in „Skeletons und Silhouettes“, „Song In Orange“ und weiteren Stücken an die Cello-Kontrabass-Begegnung auf Mal Waldrons Album „The Quest“ – auch hier wirkte Dolphy mit.
Augenzwinkernd eingebaute Bezüge auf die Vergangenheit würzen das Album für jene, die sich schon Jahrzehnte mit der Jazzgeschichte befassen. Wer diese Einsprengsel nicht als Rückblick erkennt, hat an den Klängen trotzdem seine Freude, denn Silke Eberhard betreibt keine Nostalgie-Recherche und steht auch nicht für Avantgarde-Exklusivität. Wie einst die Architekten der Postmoderne fügt sie zusammen, was einen an Überraschungen reichen Gesamteindruck beschert. Da passt es, wenn die Finger des Pianisten Antonis Anissegos „In „Ecstacy On Your Feet“ wild über die Tasten huschen und urplötzlich einem hübsch verdrechselten Finale Platz machen.
Mit ihrer zehnköpfigen Besetzung entpuppt sich Silke Eberhard als exzellente Klanggestalterin mit Witz und Humor. Fließende Saxofonlinien setzen sich in „Schirm“ über dunkle, brockige Begleitfiguren. Solche Kontraste erzeugen in allen acht Stücken immense Spannung. Da können sich die Töne aus dem Saxofon überschlagen und schon wenig später melodienselig in die Tutti fallen, da können Posaune und Trompete angeraute Growl-Sounds und glasklare Intonation vereinen und vergnügt tanzende Klänge innehalten, um Harmonietreppen zu erklimmen und auf der Höhe einem Solisten zu lauschen. Silke Eberhards Band „Potsa Lotsa XL“ in ein großartiges Beispiel dafür, dass sich Jazz und Lebensfreude bestens vertragen.

Werner Stiefele, 23.05.2020



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