Responsive image
Carlo Gesualdo

Tenebrae

Graindelavoix, Björn Schmelzer

Glossa/Note 1 GCD32116
(193 Min., 7 & 8/2019) 3 CDs

Don Carlo Gesualdos 27 Responsorien für die Matutinen der drei Kar-Tage sind einerseits Vertonungen von zentralen liturgischen Texten, die auch vor und nach Gesualdo eine umfassende und musikalisch bemerkenswerte Vertonungstradition inspiriert haben. Andererseits jedoch stechen Gesualdos Versionen aus der Vertonungsgeschichte ihrer Gattung hervor, weil der Komponist auf verstörende Weise die kompositorischen Regeln in einer ohnehin bewegten Übergangszeit so eigenwillig überschritten hat, dass wir beim ersten Hören heute noch glauben könnten, wir hätten moderne Musik vor uns. Es sind harmonische Wagnisse und damit häufig in Verbindung stehende stimmführungstechnische Auffälligkeiten, die insgesamt und im Detail auf markante, oft gar erschütternde Weise mit den Texten der Stücke korrespondieren, welche um den gewaltsamen Tod Christi und den Verrat an ihm kreisen.
Zahlreiche Aufnahmen haben versucht, die einzigartige Atmosphäre dieser Musik einzufangen. Lange galt die Version des Hilliard Ensemble als vorbildlich, aber sie ist für heutige Maßstäbe zu wenig intonantionsrein, um die volle Wirkung der Stücke zur Geltung zu bringen. Bemerkenswert in ihrer Dichte, Homogenität und Klangfarben-Finesse ist die Einspielung allein der neun Gründonnerstags-Responsorien, die The King’s Singers 2004 vorlegten. Das Ensemble Tenebrae präsentierte kürzlich seine im gleichen Geiste konzipierte Aufnahme dieser Stücke. Und nun tritt Graindelavoix unter der Leitung von Björn Schmelzer mit einer opulenten Ausgabe hervor: Die 27 Responsorien werden ergänzt durch Gesualdos Falsobordoni zum Psalm 51 („Miserere mei Deus“) und zum „Canticum Zachariae“ sowie durch die neun Klagelied-Lesungen im römischen Lektionston und die gregorianische Antiphon „Christus factus est“.
Schmelzer wäre nicht Schmelzer, würde er nicht auch hier einen besonderen Interpretationsansatz bieten. Dessen Parameter werden schon in den einstimmigen, solistisch vorgetragenen Lesungen hörbar: Die schlichte Rezitationsmelodik wird angereichert durch kleine Verzierungsfiguren, die man ihrer Art nach als Orientalismen bezeichnen möchte – sie ähneln den Ornamenten, mit denen etwa auch Marcel Pérès in seinen Produktionen die Gregorianik atmosphärisch anzureichern pflegt. Hinzu kommt eine regelmäßige Dehnung der betonten Textsilben, wodurch sich ein nahezu triolisches Metrum in den gesungen Textvortrag einschleicht. In den Satz der sechsstimmigen Responsorien Gesualdos, die von einem hochkarätigen Sextett (mit zwei Frauenstimmen an der Spitze) vorgetragen werden, lässt Schmelzer ebenfalls zahlreiche Ornamente einbringen: Durchgangsbewegungen etwa, die Sprünge in den Stimmen ausfüllen, Trillerfiguren nach Art der beschriebenen Orientalismen oder auch Schwebungs- oder Portamento-artige Tonhöhenschwankungen. All diese Ornamente fügen dem an sich schon hochkomplexen Satz Gesualdos eine Ebene von Manierismen hinzu, die sich vom Notentext her nicht legitimieren lässt und auch im Beiheft-Aufsatz zwar gepriesen, aber nicht erklärt oder hinsichtlich einer etwaigen Historizität beglaubigt wird.
Schmelzers großartige Sängerinnen und Sänger könnten die Stücke auch „einfach so“ auf allerhöchstem Niveau darbieten. Deshalb verlaufen sie passagenweise immer wieder auch quasi „störungsfrei“ als hochqualifizierte Wiedergabe des reinen Notentextes. Dann jedoch trüben wieder jene Manieren das Bild, die offenbar affektverstärkend gemeint, für eine überwältigende Wirkung der Musik aber eigentlich überflüssig, der Meinung des Autors nach sogar störend sind. Wer die Musik wirklich gut kennt, steht in diesem Sinne ein wenig ratlos vor dieser Darbietung, denn es erschließt sich nicht, wofür die interpretatorischen Extravaganzen nützlich sein sollen.

Michael Wersin, 30.05.2020



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Was erlauben Patricia Kopatchinskaja? Mit Vivaldi hat dieses Album jedenfalls herzlich wenig zu tun, zumindest mit jenem barocken Konzertvielschreiber- und Vier-Jahres-Zeiten-Vivaldi, dessen Klangsprache man mittlerweile doch recht gut zu kennen glaubt. Zwar spielt die exzentrische, das Risiko liebende, nie Gewöhnliches abliefernde Geigerin auf „Whatʼs next, Vivaldi?“ offiziell dessen Solokonzerte – doch wie bitte tut sie das!? Die Tempi sind aberwitzig schnell, als ginge es um Rekorde. […] mehr »


Top