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Carl Philipp Emanuel Bach

Complete Piano Trios

Linos Piano Trio

CAvi/hm CAVI 8553480
(133 Min., 7/2014) 2 CDs

Im Zuge der Versachlichung und Intellektualisierung, die im Laufe des 20. Jahrhunderts auch das Musikleben erfasste, war es zunehmend verpönt, Musik mit außermusikalischen Bildern und kräftigen Adjektiven zu beschreiben. Ältere Musikführer-Werke, die mit solchen Mitteln Musik vorstell- und erlebbar zu machen trachteten, verschwanden vom Markt. Die Musiker des Linos Piano Trio haben sich indes nicht gescheut, Carl Philipp Emanuel Bachs Klaviertrios für sich selbst mit Begriffen wie „Der Schrecken“ oder „Wahnsinn“ zu benennen und ganz anachronistisch etwa die Film-Welt Alfred Hitchcocks zu bemühen, um die Atmosphäre eines Musikstücks zu erspüren. Im Beihefttext geben sie ein wenig von diesem unkonventionellen Herangehen preis. Wer die Musik des Bach-Sohnes hört, kann den Musikern nur Recht geben: Tatsächlich ist der Stil der Stücke emotionsgeladen, aufgewühlt, sprunghaft in den Stimmungswechseln, teils schockierend oder enervierend. Es ist eine Musik des Übergangs, des Suchens nach neuen Ausdrucksformen, die dann in den wieder deutlich gemäßigteren klassischen Stil münden sollten. Carl Philipp Emanuel war als Sohns eines Vaters, der die barocke Stilistik zu unüberbietbarer Größe und Geschlossenheit gebracht hatte, prädestiniert dazu, diesen Befreiungskampf auf musikalischem Parkett auszufechten: Er hätte nur kläglich im Schatten des Vaters scheitern oder eben so beherzt und radikal siegen können, wie er das getan hat.
Dass die Linos-Musiker sich letztendlich für eine Darbietung der Bachschen Klaviertrios, die hier erstmals komplett auf CD erscheinen, auf modernen Instrumenten entschieden haben, obwohl offenbar auch die historischen im Bereich ihrer Möglichkeiten gelegen hätten, ist – ähnlich wie der bildhafte Zugang zum Charakter der Musik – auch ein Ausdruck postmodernen Vorgehens. Erstaunlich ist nämlich, dass es ihnen tatsächlich gelingt, auch die historisierenden Aspekte, die sie sich unter anderem anhand von Carl Philipps Lehrwerk „Versuch über die wahre Art …“ vergegenwärtigt haben, auf den modernen Instrumenten ebenso erfahrbar zu machen. Besonders das Klavier klingt unter den Händen von Prach Boondiskulchok ganz und gar nicht wie ein moderner Konzertflügel. Er steht übrigens strukturell im Zentrum dieser eigenwilligen Stücke: Eigentlich handelt es sich bei den Trios um Klaviersonaten mit Instrumentalbegleitung. Auch in dieser Hinsicht weist die Musik voraus auf entsprechende Sonaten und Trios der Klassik, bei denen im Titel häufig das Klavier an erster Stelle genannt wird. Eindrucksvolle Musik, eindrucksvoll dargeboten von hochkreativen Künstlern eines gegenwärtigen Kulturlebens, das man angesichts solcher Leistungen nur als aufregend bezeichnen kann.

Michael Wersin, 13.06.2020



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