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Marin Marais

„Le Secret de Monsieur Marais“ (Orchesterwerke und Solowerke für Viola da gamba)

Vittorio Ghielmi, Luca Pianca, Il Suonar Parlante Orchesta

Alpha/Note 1 ALP453
(68 Min., 3 & 5/2019)

Bevor die Musik ins Herz schießen kann, muss sie die Gehirnschranke passieren. Um ihre wahre Wirkung erzielen zu können, sollte jeder Ton schließlich nach allen Regeln der Kompositionskunst seinen entsprechenden Platz zugewiesen bekommen. Und natürlich dürfen exakte Spielanweisungen nicht fehlen, anhand derer der Interpret dem klanglichen Ideal des Komponisten so nahe wie möglich kommen kann. All das hat auch der französische Gambist Marin Marais beherzigt, als er zwischen 1686 und 1725 ein riesiges Konvolut an immerhin 600 Piècen schrieb, das für jeden Gambisten so etwas wie das Neue Testament bildet. Doch Marais hat in seinen Partituren über die Noten nicht einfach mal etwa ein „dolce“ hier oder ein „diminuendo“ dort notiert. Was bisher kaum bekannt war: Monsieur hat mit der (Gänse-)Feder die Notenblätter mit mikroskopisch feinsten Zeichen und Symbolen übersät, die eine riesige Palette an Griff- und Spieltechniken sowie Artikulationen widerspiegeln. Und bisweilen hat es Marais damit etwas übertrieben, wie der Gambist Vittorio Ghielmi jetzt im Booklet zu seiner neuen CD „Le Secret de Monsieur Marais“ verrät. Schließlich gibt es solche Spezialfälle wie eine einzige Note mit gleich sechs (!) Angaben, wie sie zu spielen sei – von „ersticken“ über „springen“ bis zu „anschwellen“. Selbstverständlich lässt sich dieses Mikrodrama nur auf langen Noten und nicht in schnellen Läufen realisieren. Doch sind diese akribischen Anmerkungen der Versuch, dem Musiker den wahren Wesenkern jeder einzelnen Note nahezubringen.
Für sein Marais-Album hat sich Ghielmi nun erstmals mit dieser bisher geheimen Klangwelt beschäftigt und dafür ein beeindruckendes Panorama an Solo- und Ensemblestücken zusammengestellt, unter denen sich auch so manche Weltersteinspielung findet. Der Bogen reicht da von den berühmten „Les Voix Humaines“, für die Ghielmi drei neue Quellen aufgetan hat, über die wuchtige Ouvertüre zur Oper „Tempeste“ bis zu einer atemberaubend sanften und verträumten „Simphonie du Sommeil“. Überhaupt ist Ghielmi mit seinen alten Weggefährten, dem Lautenisten Luca Pianca sowie dem Il Suonar Parlante Orchesta, das große Kunststück gelungen, aus der akribischen Notenrecherche wahre musikalische Wunderwerke entstehen zu lassen, die man dank ihres jetzt wiederentdeckten Nuancenreichtums so feingeistig wie noch nie genießen kann.

Guido Fischer, 13.06.2020



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