Die Reaktionen waren geteilt, als Jonas Kaufmann seinen ersten Otello sang – 2017 in London, dann 2019 in München. Einen auf dem Schlachtfeld hartgewordenen Recken erkannte man in dem leicht verschatteten, scheinbar kunstvoll ramponierten Tenor. Tatsächlich, Kaufmann singt weite Strecken zerknirscht oder wie mit gefletschten Zähnen. Den Spitzentönen fehlt letzte Strahlkraft. Dennoch kann angesichts der Studio-Aufnahme (entstanden kurz nach den Münchner Aufführungen) Entwarnung gegeben werden: Gute bis sehr gute Leistungen mit einem Hauptdarsteller, der Charakter und Wiedererkennbarkeit zeigt. Nur der Mord an Desdemona liegt ihm irgendwie nicht so ganz.
Ein Kunstgriff des Dirigenten Antonio Pappano bestand darin, dass er dem großen Eifersüchtler keinen superpotenten, vollsaftigen Rächer zur Seite stellt, sondern den 53-jährigen Carlos Álvarez als Jago; welcher sich – nach Jahren oftmals kritischer Stimmverfassung – souverän zurückmeldet. Mit der noch jungen Federica Lombardi hat man eine technisch versierte Desdomona gecastet, der nur leider genau das fehlt, was Kaufmann hat: Persönlichkeit.
Pappano vertritt die Ansicht, bei Verdi handele es sich sozusagen um einen ‚Belcanto 2.0‘; also, sagen wir mal: um eine dynamisierte, dramatisch aufgereizte Fortsetzung des romantischen Schöngesangs. Das stellte die Crew bei diesem Spätwerk vor eine schwierige Aufgabe. Es erklärt den eher defensiven Grundeindruck. Fraglos eine sehr seriöse, gelungene Gesamtleistung. Und jetzt hören wir uns mal Mario del Monaco an ...

Robert Fraunholzer, 20.06.2020



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