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Arctic Riff

Marcin Wasilewski Trio, Joe Lovano

ECM/Universal 0835983
(63 Min., 8/2019)

Es ist ein heikles Unterfangen, absolut freie Improvisationen und strukturierte, gar romantische Stücke auf einer Disc zu vereinen. Immerhin droht die Gefahr, dass sich die spontane Grundhaltung einerseits und die an Themen gebundene, eher fließende Konzeption andererseits gewaltig aneinander reiben. Das Marcin Wasilewski Trio und der Tenorsaxofonist Joe Lovano haben sich auf „Arctic Riff“ darauf eingelassen.
Die ersten Takte versprechen viel. Zaghaft lässt Wasilewski die ersten Töne aus dem Flügel tropfen. Kaum haben sie sich verdichtet, steigen der Tenorsaxofonist Joe Lovano, der Kontrabassist Slawomir Kurkiewicz und der Schlagzeuger Michael Miskiewicz ein: ein traumhafter Anfang, zumal Lovano bereits hier wie in den folgenden Titeln alle Facetten seines Instruments vom Flüstern über zitterndes Vibrieren bis zum hellen Strahlen nutzt. Ähnlich intim und intensiv wie dieser Opener fällt auch das folgende, auf einer Komposition von Carla Bley beruhende „Vashkar“ aus. Mit derartigen Wohlklängen könnte es noch stundenlang weitergehen, doch „Cadenza“ führt zum harschen Bruch: Das Ensemble ersetzt seinen homogenen Gesamtklang durch ein Geflecht aus kurzen Einfällen einer freien, aus dem Moment entstehenden Improvisation.
Wie die vier in diesen Titeln miteinander kommunizieren, wie die Gedanken hin und her fliegen, wie die vier abwarten, reagieren, eine Gedankenskizze vorgeben, sich überraschen und stellenweise beseelt schweben wäre ein Highlight für jede Free-Platte. Im Kontrast mit den übrigen Titeln wirken „Cadenza“ sowie „Arco“, „Stray Cat Walk“ und „A Glimpse“ jedoch wie Fremdkörper: „Fading Sorrow“, eine zweite Version von „Vashkar“ sowie „LʼAmour Fou“, „On The Other Side“ und „Old Hat“ knüpfen an die Wohlfühlatmosphäre wieder an. Wie in den beiden einleitenden Nummern improvisieren das Trio und sein Gast über vorgegebene Themen, variieren deren Melodien und Rhythmen einfallsreich und bleiben dicht beisammen.
Sowohl eine reine Scheibe mit Free-Improvisationen als auch eine mit in ihren zentralen Passagen arrangierten Stücken böten eine Menge Hörgenuss, denn eigentlich bilden die vier sowohl in der Free- als auch in der Romantik-Variante ein Traumquartett. Doch beides passt nicht zusammen. Durch diese nie überbrückten Gegensätze jedoch leidet das Album: Es ist weder Hü noch Hott.

Werner Stiefele, 27.06.2020



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