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Jean Philippe Rameau, Claude Debussy

Rameau. Debussy

Víkingur Ólafsson

DG/Universal 4837701
(79 Min., k. A.)

Die Rückbesinnung auf die eigene kulturelle Vergangenheit war für die Franzosen nach 1870/71 und den mit diesem Krieg verbundenen Demütigungen von deutscher Seite überlebenswichtig: Die Suche nach einer eigenen musikalischen Identität und im Zusammenhang damit die befreiende Auseinandersetzung mit dem überlebensgroßen schrecklichen Faszinosum Richard Wagner sind Motive, die in Claude Debussys künstlerischem Werdegang eine zentrale Rolle spielen. Im Zuge dieses Prozesses lenkten Debussy und viele seiner Zeitgenossen den Blick zurück auf die französische Barockmusik, auf die Künstlerpersönlichkeiten der Familie Couperin und besonders auf Jean Philippe Rameau, welcher durch seine musiktheoretischen Traktate in der barocken Epoche europaweit von Bedeutung war. Und tatsächlich verursachte diese Rückbesinnung in Frankreich um 1900 einen Kreativitätsschub.
Víkingur Ólafsson stellt in seinem dritten Album Debussy und Rameau einander gegenüber. Zwangsläufig muss er die Musik Rameaus dabei auf sein Instrument, den modernen Konzertflügel übertragen – ein Vorgang, der ihm ja schon im Falle seines Bach-Rezitals nicht nur mühelos gelang, sondern ihn vielmehr zu einer im Grunde überzeugenden persönlichen Lösung inspiriert hatte. Freilich: Die Musik Rameaus ist so sehr eine Cembalo-affine Musik, dass diejenigen Alte-Musik-orientierten Hörer, die etwa ein programmmusikalisches Stück wie „Le Rappell des Oiseaux“ in einer wirklich guten Cembalo-Version kennen, Ólafsson vielleicht nicht gleich um den Hals fallen werden – haftet doch Alter Musik auf dem Flügel gespielt immer gleich ein wenig die Patina einer vergangenen nicht-historisierenden Aufführungspraxis an. Aber was soll’s: Es geht ja um eine Gegenüberstellung, die auch das Klang-Bild berücksichtigt, das Debussy und seine Zeitgenossen von Rameau nur haben konnten.
Was an Ólafssons Spiel insgesamt fasziniert, ist seine Fähigkeit, die klare Vorstellung, die er von der jeweiligen Satzstruktur hat, auf unaufdringliche Weise hörbar zu machen. Es kommt ihm sowohl bei Rameau wie auch bei Debussy zugute, dass er in der Lage ist, auch Hochkomplexes einfach klingen zu lassen. „Einfach“ nicht im Sinne von „simpel“, sondern im Sinne von „selbstverständlich“ oder „selbsterklärend“. Wir nehmen keine spieltechnischen Klimmzüge wahr, wir werden nicht Zeugen einer bedeutungsschwanger aufgeblähten „Interpretation“, sondern wir erleben einfach Musik. Dieses Erlebnis zu evozieren ist, zumal mit dem Rucksack von Jahrhunderten großartiger, aber ungeheuer verschiedenartiger Musik und Spielpraxis auf dem Rücken, beileibe nicht ganz einfach. Ólafsson ist auf dem Wege, diese Vermittlungsfähigkeit zu seinem Markenzeichen zu machen.

Michael Wersin, 18.07.2020



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