Selbst im ausufernden Werk des gerne als Vielschreiber geschmähten, erst in jüngerer Zeit wieder in seinem wahren Wert erkannten Georg Philipp Telemann nimmt die Oper „Miriways“ eine doppelt exotische Stellung ein. Zunächst weil sie wirklich ungewöhnlich in diesem Kanon anmutet und zum zweiten, weil das seltene Sujet eben auch für die damalige Bühnenzeit sehr „exotisch“ ist. Pinselt es doch mit möglichst unerhörten Klangfarben ein zum Teil authentisch-aktuelles Kriegs- und Nachfolgekampfgeschehen im persisch-afghanischen Kulturraum nach. Mit den üblichen, mal komischen, mal tragischen Verwicklungen, die Johann Samuel Müller da für die Uraufführung an der Hamburger Gänsemarkt-Oper anno 1728 librettokonform zusammengesammelt hat. Beim Hamburger Telemann Festival 2017 wurde diese wertvolle, stimmig besetzte „Miriways“-Gesamtaufnahme mitgeschnitten. Die telemanngestählte Akademie für Alte Musik Berlin spielt das ihr vertraute Idiom so lust- wie schwungvoll. Bernard Labadie gliedert den Arienparcours abwechslungsreich und widmet den Instrumentalmomenten besondere Aufmerksamkeit. Sehr gut ist das mit klingenden Namen aufwartende Sängerensemble. Robin Johannsen glänzt in der Hosenrolle als persischer Prinz Sophi, der am Ende die sopranimmerfrische Sophie Karthäuser als Bemira bekommt. Marie-Claude Chappuis ist mezzosatt Miriways heimliche Ehefrau Samischa, André Morsch mit kompaktem Bariton der Titelheld. Die zupackende Anett Fritsch gibt den persischen Fürsten Zemir, die flirtige Lydia Teuscher die persische Dame Nisibis. Der kantable Bariton Michael Nagy singt den tatarischen Fürsten Murzah, der im Finale Nisibis erobert, Dominik Köninger ist als Geist präsent.

Matthias Siehler, 18.07.2020



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