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Frenchy

Thomas Dutronc

Blue Note/Universal 0862886
(52 Min., 5/2019)

Das Cover erzählt die halbe Geschichte. Es zeigt den Sänger und Gitarristen Thomas Dutronc vor dem Pariser Cafe Literaire auf dem Dach eines Citroen DS, für Fans und Verkäufer Dank der Aussprache „Déesse“, die Göttin unter den Automobilen und eines der innovativsten Fahrzeuge der 1950er-Jahre. Immerhin verbaute das französische Unternehmen in dem 1955 auf dem Automobilsalon von Paris präsentierten Fahrzeug mit seiner hydropneumatischen Federung, der Servolenkung und Scheibenbremsen zuvor unbekannte technische Neuerungen.
Mit diesem Inbegriff der Moderne und des Luxus verbindet Dutronc einen Nostalgiestrauß von Songs. Sie wirken – wie das in der Nachbearbeitung mit satten Farben hochgestylte Foto – etwas zu künstlich. „La Vie En Rose“, das Edith Piaf 1945 bei der Verwertungsgesellschaft SACEM angemeldet hatte, wird nun zum Dialog Dutroncs mit der rauchigen Stimme des ZZ Top-Sängers Billy Gibbons – ein Geschenk an die LGBTQ-Community oder nur ein netter Gag? Auf alle Fälle eine nicht erwartete Verfremdung. Andererseits würzt Dutronc den 1952 komponierten Hit „Petite Fleur“ mit einem Gitarrensolo à la Django Reinhardt – eine Verneigung vor dem Star der 1930er- und 1940er-Jahre. Dessen „Nuages/All For You“ sowie „Minor Swing“ versetzt er hingegen mit einem Fender Rhodes E-Piano in eine Bar der 1960er.
Mit der Sängerin Diana Krall hat er in „Cést Si Bon“ eine starke Partnerin neben sich, und in „Un Homme et Une Femme“ steht ihm Stacey Kent zur Seite. Begleitet wird er vom Pianisten Eric Legnini, dem Kontrabassisten Thomas Bramerie und dem Schlagzeuger Denis Benarrosh; hinzu kommen gelegentlich Akkordeon, Bandoneon, Trompete und eine mit Nylonsaiten bespannte Gitarre. Diese Partner swingen dezent. Einzig „Beyond The Sea/La Mer“ lässt einen Hauch vom Beat der 1960er-Jahre spüren.
Ein Teil der Stücke ist älter als Dutroncs Eltern Françoise Hardy und Jacques Dutronc. Völlig beschränkt sich Dutronc allerdings nicht auf dieses Nostalgie-Repertoire. Im Duett mit der Sängerin Youn Sun Nah transportiert er den 2000 veröffentlichten Hit „Playground Lover“ der Synthie-Pop-Band Air in die 1950er. Ähnlich ergeht es dem Daft-Punk-Hit „Get Lucky“ aus dem Jahr 2013. Coverversionen des Sinatra-Hits „My Way“ und einer Duettfassung mit Jeff Goldblum von Sacha Distels „The Good Life/La Belle Vie“ beschließen das Album.
Der Gesamteindruck entspricht dem Cover. Bei allem Historisieren brachte Thomas Dutronc keinesfalls den Sound der 1950er zurück, noch legt er wirklich eigenständige Versionen der Songs vor. Die Bezugs- und Stilmixe ergeben nur ein aufgepepptes, an der Oberfläche glänzendes, aber nicht rundum schlüssiges Gesamtbild.

Werner Stiefele, 25.07.2020



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Kommentare

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TheoFrank
Lieber Herr Stiefele, als ich das Album zum ersten Mal hörte, war ich insofern positiv eingestimmt, weil ich die fast schon überschwängliche Kritik von Dagmar Gilcher in unserer "Rheinpfalz" gelesen hatte, die das Album im Bausch und Bogen lobte und es nicht oft genug hören könne. Insofern war ich etwas enttäuscht; ich würde ihm die Note 3 geben. Auch für mich Nichtexperten klingen die Lieder etwas aufgesetzt und "künstlich". Allerdings swingt und jazzt man sich irgendwie rein....Dutroncs Stimme fängt irgendwann auch zu nerven, weil er mit ihr wohl kein Risiko eingehen wollte. Krass gesagt, die CD hat irgendwann den Charakter von Fahrstuhlmusik. Da ist z.B. Max Mutzke um Klassen besser, auch wenn der Vergleich vielleicht etwas unfair ist. Was meinen Sie?




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