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Open Form Society (Live)

Christian Lillinger

Plaist-recordJet/Edel 1001312PLI
(52 Min., 10 & 11/2019)

„Open Form Society“ – das klingt nach einem anarchistischen Gruppenentwurf, dessen Mitglieder sich im Gegensatz zu Sartres „Geschlossener Gesellschaft“ kopflos in die Freiheit stürzen. Aber wie so oft liegt man bei dem Berliner Irrsinns-Schlagzeuger Christian Lillinger falsch, wenn man ihn gedankenfaul in die Free-Jazz-Ecke stellt.
Denn in dem zehnköpfigen multinationalen Orchester „Open Form Society“, das aus mehreren Pianisten und Keyboardern, zwei Mallet-Instrumentalisten, zwei Bassisten und einer Cellistin besteht, herrschen durchaus klare Kompositionsprinzipien. Die Stücke, die auf der konzentrierten Live-Einspielung vom Berliner Jazzfest 2019 zu hören sind, sind nicht frei von jeglicher Form – sondern es verhält sich eher so, dass ihre Formen variabel sind, sich öffnen und wieder schließen. Wie kinetische Figuren. Oder eine alte Fabrikmaschine, die eiert und rumpelt. Und dennoch wunderlich schöne Blech-Spielzeuge produziert.
Die ersten drei Nummern, „OFFS“, „Sisyphos“ und „Laktat“, klingen wie Module, die miteinander kommunizieren und die zusammengenommen der kompositorischen Durchführung eines gewöhnlichen Songs gar nicht so unähnlich sind: Da gibt es zunächst die Vorstellung einer klar erkennbaren Hookline (wenn man das Motiv aus „OFFS“ lange genug gehört, wird es tatsächlich zu einer Art Ohrwurm), dann einen B-Teil, der mit dem Hauptthema verwandt ist, es aber logisch variiert; es folgt (immer noch in „Sisyphos“) eine solistische Auseinandersetzung (in diesem Fall von Lillinger mit vibrierender Bassdrum und sonor prasselnden kleinen Trommeln), bis schließlich mit „Laktat“ die Coda kommt und zu einer kontrollierten gemeinsamen Sprengung des Klangkörpers führt.
Spannend ist auch, wie das musikalische Material von Soundingenieur Tilman Hopf während der Live-Aufnahme manipuliert wird. So verändert er unter anderem immer wieder die Stimmung der Klaviertöne oder verzerrt das Klangbild. Freilich so, dass es zu einer neuen ästhetischen Interpretationsebene wird und John Cages Klavierpräparationen weiterdenkt.
Der Höhepunkt der konzertanten Umsetzung des 2018 erschienen Studioalbums „Open Form Society“ wurde allerdings nicht in Berlin dokumentiert, sondern kurze Zeit vorher bei den Donaueschingener Musiktagen. „Aorta“ pumpt mächtig Blut ins Herz von Lillingers Musikapparat. Ein Bass surrt wie ein als Hummel wiedergeborener Jaco Pastorius in einem Weckglas, Klaviere prügeln sich mit dem Schlagwerk und ein Synthesizer schimpft wie Beaker aus der Muppet Show. Was für eine irre Gesellschaft!

Josef Engels, 05.09.2020



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