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Conspiracy

Terje Rypdal

ECM/Universal 3507525
(35 Min., 2/2019)

Sonderlich heimlichtuerisch geht Terje Rypdal bei seiner Disc „Conspiracy“ nicht vor. Im Gegenteil: Die ersten vier, fünf sägend-singenden Töne seiner Elektrogitarre genügen, um ihn als Erzeuger dieser Klänge zu identifizieren. Die sind dem Schreien, Jaulen und Heulen von Heavy-Metal-Gitarren näher als den durchsichtigen Geweben des Jazzgitarristen Joe Pass oder den Melodie- und Akkordverschränkungen der Ahnherren der modernen Jazzgitarre, Wes Montgomery und Jim Hall.
Schon seit seinen ersten Jahren als Musiker bewegt sich Rypdal in den Grenzgefilden von Rock, Jazz und einer ganz persönlichen Form von Kammermusik. Rypdals Kompositionen swingen nicht, und sie tanzen auch nicht ständig in Rock- oder Sambarhythmen. Scheinbar losgelöst schweben sie in den ersten zwei Stücken „All If The Ghost… Was Me!?“ und „What Was I Thinking“ über den weitläufigen Sounds der Band. Im Titelstück dominieren hingegen klar markierte Rockbeats, die zumindest bei Ü60ern Erinnerungen an die Zeiten der Rockavantgardeband Cream und von John McLaughlins Mahavishnu Orchestra wecken können. Rypdal selbst war Ende der 1960er-Jahre – zum Beispiel auf dem Album „Bleak House“ – dem swingenden Jazz näher als heute.
Leises Boxensummen verweist in „What Was I Thinking“ ebenfalls auf jene Zeiten, in denen durch Boxentürme noch die Netzfrequenz schimmerte. Ist es ein Rückgriff auf damals, dass die Gesamtspielzeit des Verschwörungs-Albums von 35 Minuten jenen LP-Maßstäben entspricht, die pro Seite 17 bis 21 Minuten erlaubten, damit die Rillen im Vinyl breit und tief genug gepresst werden konnten? Oder reichte ihm die Konzentration auf sechs Stücke?
Trotz solcher Reminiszenzen verfolgt die Verschwörerbande keinerlei Nostalgiekonzepte. Sie knüpft zwar an die Soundlandschaft früher Rypdal-Alben – insbesondere von „The Chaser“ und „Blue“ – an, hat das Konzept aber mit Endre Hareide Hallre am bundlosen Elektrobass weiter differenziert. Da sich der Schlagzeuger Pål Thowensen auf filigrane, scheinbar zurückhaltende, dabei durch ihr permanentes Umspielen des Beats spannungsgeladene Rhythmusarbeit konzentriert und Ståle Storløkken vor allem an der Hammondorgel lichte Klänge erzeugt, entstehen durch den Kontrast zu Rypdals lang anhaltenden Gitarrensounds vor allem in „By His Lonesome“ ungewöhnliche Schichtungen. Das melodienselige „Baby Beautiful““ unterstreicht die elektrifizierte Klangpracht dieses Albums. Da Verschwörer nicht zu lange konspirativ zusammensitzen sollten, ist nach einem ebenso dunklen wie knappen „Dawn“ etwas zu früh Schluss.

Werner Stiefele, 12.09.2020



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