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Johannes de Cleve, Jacobus Vaet

Missa Rex Babylonis

Cinquecento

Hyperion/Note 1 CDA68241
(71 Min., 7/2019)

Musikalische Wunderwelt des Cinquecento – ein durchaus emphatisches Statement, dem mit Blick auf die vorliegende CD doppelte Bedeutung zukommt: Es meint einerseits die kaum je überschaubare Fülle der vokalpolyphonen Musik des 16. Jahrhunderts, deren Wiederentdeckung in unserer Zeit erfreulich zügig voranschreitet. Es meint andererseits und ganz besonders aber auch die klanglichen und interpretatorischen Qualitäten des Ensembles, das sich nach dieser Epoche benannt hat und die Musik jener Zeit hier auf vorbildliche Weise wiedergibt. Der Countertenor Terry Wey und der Bassist Ulfried Staber bilden sozusagen die Eckpfeiler, das „Oben“ und „Unten“ einer fünfköpfigen Männergruppe, die seit 2004 existiert und seither schon mit einigen markant guten CD-Produktionen auf sich aufmerksam gemacht hat. Die fünf hervorragend aufeinander eingespielten Stimmen vereinen sich perfekt zu jenem eigentümlichen Kompromiss aus Homogenität des Ganzen und Plastizität der einzelnen Linien, der das klangliche Äquivalent zur kompositorischen Struktur dieser Musik ist: Fünf selbständige Kantilenen, untereinander völlig gleichberechtigt, mischen sich zu einer Folge von Dur- und Mollakkorden inklusive Dissonanzbildungen und Auflösungen, deren gleichmäßiger Fluss die unverwüstliche Ruhe dieser Musik bedingt. Allerdings entsteht dieser harmonische Fluss tatsächlich aus dem Miteinander ganz individueller horizontaler Verläufe: Imitatorisch verflochtene Linien, in motivischer Hinsicht vom Komponisten textaffin erdacht, bilden ein komplexes kontrapunktisches Geflecht. Beides – den Zusammenklang und die einzelnen Linien – in ausgewogener Weise zum Hörerlebnis zu machen, das ist die Kunst bei der Wiedergabe solcher Musik. Dem Ensemble „Cinquecento“ gelingt dies brillant auf Basis von Musik zweier Komponisten, die nicht in der vordersten Reihe der Meister jener Zeit stehen: Jacobus Vaet aus Kortrijk und Johannes de Cleve, möglicherweise aus der deutsch-niederländischen Grenzstadt, deren Name zu seinem Nachnamen wurde. Beide Komponisten lassen sich im weiteren Sinne zur Gruppe der „Franko-Flamen“ zählen, jener fast 300 Komponisten, die im 15. und 16. Jahrhundert in einem relativ überschaubaren Landstrich das Licht der Welt erblickten. Sie sind verbunden durch eine Parodie-Beziehung, die programmatisch im Mittelpunkt dieser CD steht: Jacobus Vaets Motette „Rex Babylonis“, die 1568 im Druck erschien, wurde für Johannes de Cleve zur musikalischen Grundlage einer Weiterbearbeitung zum Messordinarium – ein seinerzeit beliebtes und verbreitetes Verfahren, mit dem Komponisten ihre Kunstfertigkeit beim Weiterentwickeln bereits existierender musikalischer Substanz ausführlich unter Beweis stellen konnten. „Kunstfertigkeit“ – ein Begriff, der beziehungsreich den Untertitel dieser CD-Veröffentlichung bilden könnte.

Michael Wersin, 26.09.2020



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