Manche Opern-Gesamtaufnahmen sind besser als die Live-Aufführungen vor Ort. So war es vor Jahren mit Alessandro Scarlattis „Griselda“ unter René Jacobs. So ist es jetzt mit „Polifemo“, dem Opern-Durchbruch des 32-jährigen Giovanni Bononcini in Berlin. Von Bononcinis 27 Opern hat sich kaum etwas auf CD verirrt. Nur von „Polifemo“, ausgerechnet, gibt es eine Wiener Aufnahme von 1944 mit Herbert Alsen und Anton Dermota. Wir haben es, mit anderen Worten, mit einer Art Neu- und Kaltstart in Bezug auf den ursprünglichen Komponisten des „Ombra mai fu“ zu tun, welcher 1720 gemeinsam mit Georg Friedrich Händel nach London ging.
Auch für die Flötistin Dorothee Oberlinger ist es ein Debüt: als Operndirigentin. Etwas lau und lasch mögen manche Akzente kommen. Ihr Atmen mit den Sängern aber nützt dem Fluss der Aufnahme tatsächlich. Die Liebesgeschichte von Acis und Galathea, die sich den Nachstellungen des Zyklopen Polifem erwehren müssen, nahm 1702 eine Mittelstellung zwischen Lullys und Händels Versionen des Stoffes ein.
Mit João Fernandes steht ein lustig polternder Titel-Riese zur Verfügung. Roberta Invernizzi kommt als Galatea etwas ältlich herüber. Eine Entdeckung ist die (in Fachkreisen längst herumgereichte) Roberta Mameli als Silla. Etwas spitzig: Liliya Gaysina (Circe). Eine kleine Sensation ist das erstmalige Erscheinen des brasilianischen Sopranisten Bruno de Sá, der in der Rolle des Aci bis zum dreigestrichenen c hinaufzwitschert. Dass hier ein Mann singt, würde man nicht mehr denken. Zu hoffen ist, dass es nun auch mit der Rezeption dieses in Schlichtheit reüssierenden Barock-Kleinmeisters vorangeht. Die Aufnahme ist sehr schön.

Robert Fraunholzer, 17.10.2020



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