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Playing Probabilities

Joachim Kühn, Trummerschlunk

ACT digital 614427192127
(37 Min., k. A.)

Die Corona-Krise hat auch im Kulturbetrieb alles anders gemacht: Konzerte werden, wenn sie überhaupt stattfinden, zu Hochsicherheitsveranstaltungen; der Gang in den Plattenladen oder ins Kino erscheint wie ein Ausflug in ein vermintes Risikogebiet. Kein Wunder, dass Streaming das Mittel der Stunde ist – und ein eigentlich tonträgerverliebtes Jazzlabel wie ACT auf die Idee bringt, die neue Einspielung eines seiner Zugpferde ausschließlich auf digitalem Wege zu veröffentlichen.
Allerdings bietet sich dieser Vertriebsweg bei „Playing Probabilities“, das der Pianist Joachim Kühn zusammen mit dem Toningenieur und Sound-Experimentator Klaus Scheuermann (alias Trummerschlunk) konzipiert hat, auch aus einem anderen Grund an: Die einzelnen Stücke, die auf ausgedehnten Improvisationen Kühns mit seinem Flügel unter den Fingern und einem modularen Synthesizer auf dem Kopfhörer basieren, mögen aufgrund ihrer krassen Verschiedenheit kein organisch gerundetes Album ergeben. Aber jedes für sich genommen würde sich gut in einer entsprechend spezialisierten Playlist machen.
Der Auftakt „The Probe“ etwa, auf dem Kühn stellenweise wie der ACT-Hausheilige Esbjörn Svensson klingt, wäre dank seines reduzierten Beats bestens in der Wiedergabeliste „Electrojazz“ aufgehoben. „A New Balance“ hingegen, in dem Bassist Tom Berkmann erratische Themenfragmente doppelt, wie man es sonst vom Pianistenbruder Rolf Kühn gewohnt ist, würde sich aufgrund des Klanginstallationscharakters für die Playlist „Vernissage“ anbieten.
„High Entropy“ wiederum, in dem der Klavierklang zu einer digitalen Geisterarmee im Hintergrund geklont wird und atonale, nervös dahinrasende Gedankenblitze den Ton angeben, eignete sich gut für die Stücksammlung „Neue Musik“, während das balladesk-poppige „a-r-t-e-n-e“ zum kontemplativen Teetrinken und versonnenen Blick aus dem Fenster einlädt. „Herbsttagsfrühstück“ wäre der passende Titel für eine Playlist mit solcher Musik.
Aber egal, in welche Richtung sich die aus insgesamt sechs Stunden Spielmaterial destillierten Tracks (hier ist der Begriff einmal durchaus gerechtfertigt) bewegen: Kühn bleibt immer erkennbar als genialischer pianistischer Unruhestifter, der leidenschaftlich gegen die Gleichförmigkeit von Loops oder Wiederholungen ankämpft.
„Playing Probabilities“ ist jedenfalls ein würdiger Start für das ACT-Sublabel „Neue U Musik“, auf dem wie hier „Free Jazz, Techno und Ambient“ einen Platz nebeneinander finden sollen. Wer einwendet, dass sich das so anhört, als würde man ein Museum in einem Club eröffnen, hat gar nicht so unrecht: Kühns „Trummerschlunk-Reichung“ würde als perfekter Soundtrack für die Kunstausstellung im Berliner Berghain dienen, die noch bis Ende Oktober geöffnet ist. Auch so eine Sache, die man vor Corona nicht für möglich gehalten hätte.

Josef Engels, 17.10.2020



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