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HH

Lionel Loueke

Edition/Membran EDN 1161
(57 Min., 2/2019)

Lionel Loueke hat seinen eigenen Stil. Während andere Gitarristen ihren Songs durch lange Melodielinien oder – eventuell in Variationen – wiederkehrende Akkordfiguren ein konstantes Element verleihen, geht Loueke kleinteiliger vor. Er lässt Motive stehen, entwickelt sie nicht im steten Fluss weiter, sondern greift sie mit Abstand in einer veränderten Form wieder auf. Die Vielfalt von knappen Rhythmen- und Themenvariationen sowie die großen, überraschenden Sprünge in Louekes Spiel wirken, als paare er das traditionelle Spiel auf der afrikanischen Kora mit der europäisch-amerikanischen Tradition des Gitarrenspiels.
Jazzgrößen wie der Pianist Herbie Hancock und der Saxofonist Wayne Shorter haben dieses Eigene, Ungewöhnliche geschätzt und gefördert. Nun bedankt sich Loueke bei Herbie Hancock, den er „Mentor“ und „Master“ und „The Truth“ nennt, weil er von ihm spirituell, musikalisch und menschlich gelernt habe, mit dem knapp „HH“ genannten Album. Die meisten Musiker würden ihre Dankbarkeit ausdrücken, indem sie mit mehr oder weniger eigenständigen Coverversionen darstellen, wie sehr sie die Musik des betreffenden verstanden haben. Lionel Loueke, der in den vergangenen 15 Jahren häufig mit Herbie Hancock auf Tournee war und an dessen Alben mitgewirkt hat, muss nicht mehr nachweisen, dass er weiß, wie dessen Stücke funktionieren. Stattdessen nimmt er zwölf Hancock-Stücke und zwei Eigenkompositionen als Ausgangspunkt für eigene, weit von Hancocks Klangwelt entfernte Interpretationen.
Bei seinem unverwechselbaren Spiel bevorzugt er akustische Gitarren und damit kurze, nicht durch elektronische Effekte verlängerte oder modifizierte Töne. Gelegentlich kommen Mouth-Percussion sowie bruchstückartige Texte hinzu. „Cantaloupe Island“ unterlegt er mit schmatzend-schleppendem Fundament, und in „Butterfly“ singt er kaum verständliche Worte zu einer Instrumentalgrundlage, in der Ruhe und plötzliches Aufflattern wie das akustische Abbild eines von Blüte zu Blüte fliegenden Schmetterlings wirken. In „Dolphin Dance“ hingegen gleiten die Töne gleichmäßig dahin, während das Thema von „Watermelon Man“ über perkussivem Schmatzen, „Ähm“-Stöhnen und einem steten Puls schwebt und stellenweise den Gesang der Pygmäen andeutet, mit dem die Hancocksche Fusionversion beginnt. Selbst wenn er in seiner Version von „Rockit“ im Playback auch Elektroklänge einfügt, bleiben diese kurz und knapp. In der Schlussnummer „One Finger Snap“ weicht er mit metallisch scharfen, völlig verzerrten Tönen ab, die in einem Loop münden, über den er Akkorde und Melodielinien legt. Wetten, dass HH daran seine Freude hätte!

Werner Stiefele, 17.10.2020



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