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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



Dass Carl Philipp Emanuel Bach seine Hörer gerne mit Kühnheiten überrascht, hat sich ja mittlerweile herumgesprochen. Aber die Überraschung, die der zweitälteste Bachsohn im Eingangssatz seiner Kantate "Der Gerechte, ob er gleich zu zeitlich stirbt" bereithält, ist dann doch von einer ganz besonderen Qualität: Carl Philipp Emanuel montierte in den Satz nämlich eine mehr als archaisch wirkende Komposition seines Großonkels Johann Christoph Bach (1642-1703). Ein großartiger Einfall – denn wie könnte man die verstorbenen Gerechten im Kantatentext besser preisen als durch die buchstäblich wie eine Stimme aus der Vergangenheit tönende, in ihrer Klarheit und rhetorischen Eindrücklichkeit an Heinrich Schütz gemahnende Musik des Vorvaters? Die Behauptung, dass Carl Philipp Emanuel ältere Werke fremder Komponisten nur aus Desinteresse an dem Genre oder aus Zeitnot eingebaut habe, kann man nach Anhören dieses Werks getrost als Legende abtun.
Zwei weitere Kantaten erweitern den Blick in die noch viel zu wenig im Konzertleben präsenten Umbruchjahre der Mitte des 18. Jahrhunderts: Da ist einmal ein Werk des von Mozart hoch geschätzten Georg Benda. Warum Benda seinerzeit als Kirchenkomponist nicht weniger berühmt war denn als Schöpfer experimenteller Musiktheaterwerke, das versteht man Dank der exquisiten und hoch motivierten Interpreten sofort: Mit Blitzen in den Augen und echtem Eifer in der Stimme haut der Chor dem atheistischen Hörer sein "Du wagst es, du Lästerer, Gott zu versuchen?" um die Ohren. Erholen darf man sich von dem Schrecken bei einer ebenso reich wie feinsinnig geschmackvoll verzierten Arie der Altistin Hilke Helling sowie bei den nachtigallenhaft timbrierten Tönen von Barbara Schlick. Etwas konventioneller kommt die Osterkantate "Frohlocket und jauchzet" von Johann Sebastian Bachs Schwiegersohn Christoph Altnickol daher; apart wirkt bei diesem Werk jedoch der Kontrast zwischen dem üppigem barocken Trompetenglanz der Ecksätze und der melodieorientierten Empfindsamkeit der Arien. Die Geistliche Kantate, so das Fazit dieser beispielhaften Produktion, hatte auch nach dem Tod des Thomaskantors eine Zukunft.

Carsten Niemann, 01.12.1999



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