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Georg Friedrich Händel

Arien aus Oratorien

David Daniels, Ensemble Orchestral de Paris, John Nelson

Virgin Classics/EMI 7243 5 45497 2 4
(67 Min., 9/2000) 1 CD

Kontratenöre lieben Händel: Da macht David Daniels, der vor kurzem in Christopher Hogwoods "Rinaldo"-Aufnahme (siehe Rezension) brillierte und auch ein eigenes Album mit Opernarien des Wahlengländers herausbrachte, keine Ausnahme. Doch liebte Händel auch Kontratenöre? Emphatisch kann man diese Frage wohl kaum bejahen. Tatsache ist, dass Händel sämtliche seiner hohen Opernrollen und auch die wichtigsten Oratorienpartien mit Kastraten bzw. weiblichen Sopran- und Altstimmen besetzte.
Doch wenn auch auf diese Weise keiner von Händels eigenen Falsettisten als Star gefeiert wurde, waren ihre Partien dennoch erstaunlich anspruchsvoll. Die ganz große lyrische Geste fehlt zwar, nicht jedoch die Forderung nach Virtuosität und Gestaltungskunst. Händels originale Arien für die Stimmgattung singen sich nicht von selbst: Sie sind deklamatorischer gehalten und mit stärker instrumental wirkenden Koloraturen ausgestattet.
Der Beihefttext verkündet, Daniels habe sich bei der Auswahl für dieses Album bis auf eine Ausnahme nicht dem Repertoire der Kastraten, sondern eben dem weniger beachteten der Kontratenöre gewidmet. Spannend wäre das, denn Daniels gehört zu den wenigen Kontratenören, die sich selbst am Repertoire der Kastraten nicht verheben. Doch ganz konnte Daniels von den Paradestücken der "evvirati" nicht lassen: Vier Arien aus "Theodora", die Händel für den Kastraten Gaetano Guadagni schrieb, machen bereits ein Drittel der Spieldauer der CD aus; hinzu kommt noch die Arie "He was despised" aus dem "Messias", die Händel aus einer Frauenpartie für Guadagni umarbeitete.
Doch die stilistischen Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Repertoirestücken merkt man kaum. Dies liegt einmal an Daniels geschmeidiger und ausgeglichener Stimme, bei der selbst Koloraturen auf "u" noch erstaunlich straff sitzen. Zum anderen verzichtete Händel bei den Arien für Guadagni, der ein uneitler, sorgsam gestaltender Künstler gewesen sein soll, auf vokale Kraftmeierei. Die ersetzt Daniels bei den frei ausgezierten Wiederholungen durch volumenreiche, aber eben doch etwas penetrant herausstechende Spitzentöne fürs Volk; ansonsten bietet Daniels aber ein feinsinniges Vergnügen, das sich ganz aus den Stärken der Stimmgattung speist.

Carsten Niemann, 19.09.2002



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