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Anton Bruckner

Messe Nr. 2 e-Moll, Te Deum

Collegium Vocale Gent, Orchestre des Champs-Élysées, Philippe Herreweghe

Phi/Note 1 LPH034
(51 Min., 8/2019 & 9/2019)

Die Perfektionierung des Ensemblegesangs durch professionelle oder semiprofessionelle Gruppierungen, die im Bereich der „Alten Musik“ ihren Anfang genommen hat, ist nicht ohne Folgen geblieben, auch für das jüngere Chormusik-Repertoire: Ensembles wie der Kammerchor Stuttgart oder auch das Collegium Vocale Gent haben schon vor Jahrzehnten damit begonnen, die Chormusik des 19. sowie des 20. Jahrhunderts unter Zugrundelegung derjenigen Ansprüche, die man heute an den Alte-Musik-Sound stellt, aufzuführen und einzuspielen. Wir sind es daher gewohnt, auch romantische Chormusik mit einem sehr homogenen, vibratoarmen, jugendlichen und schlackenfreien Klangbild zu genießen. Anton Bruckner etwa hat seine Vokalmusik sicher niemals so gehört, wie wir sie heute gern hören – ein Paradox der Interpretationsgeschichte. Die e-Moll-Messe von Bruckner ist ein Werk, dem die oben beschriebene Aufführungspraxis besonders zugutekommt: Es gibt eine Menge A-Cappella-Passagen, die zudem in ihrer Satzstruktur ganz bewusst auf die Chormusik der Renaissance zurückgreifen. Gleichzeitig fordert die teils komplexe Harmonik eine unbestechliche Intonationsreinheit, um ihre Wirkung überzeugend entfalten zu können. Und schließlich verlangen die Bläsereinsätze nach A-Cappella-Passagen eine stabil bleibende Tonhöhe – andernfalls kommt es zu peinlichen Interferenzen. Philippe Herreweghes Collegium Vocale ist ein namhaftes Ensemble, von dem man höchste Qualität in allen genannten Punkten erwarten darf. Eine e-Moll-Messe dieser Gruppierung sollte mühelos mit den älteren Einspielungen des Kammerchors Stuttgart oder der Corydon Singers mithalten können. Erstaunlicherweise ist das jedoch nicht der Fall: Herreweghes professionelle Sängerbesetzung bringt es nicht zu dem geschlossenen Ensemble-Gleichklang, mit dem die erwähnten anderen Aufnahmen glänzen können. Immer wieder stechen einzelne Stimmen leicht hervor, die Sauberkeit ist keineswegs tadellos, insgesamt kommt auch nicht jenes dichte, intensive Legato zustande, mit dem vor allem Frieder Bernius geradezu markenzeichenhaft glänzen kann. Ein anderes Bild ergibt sich beim ebenfalls – allerdings sieben Jahre früher – eingespielten Te Deum: Hier arbeitete Herreweghe gleichfalls mit einer etwas größeren Sängerbesetzung, die freilich auch von einem deutlich üppigeren Orchestersatz eingebettet und getragen wird. Dass hier über weitere Strecken mit breiterem Pinsel gemalt werden kann, wirkt auf die Sängerinnen und Sänger durchaus befreiend: Man gönnt sich innerhalb des sinfonischen Klangbettes etwas mehr Vibrato und erzeugt insgesamt einen Drive, der dem ruhelos vorwärtsdrängenden Charakters der Musik Bruckners durchaus gerecht zu werden vermag.

Michael Wersin, 09.01.2021



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