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Passion Flower For Doris Duke

Joe Castro

Sunnyside /GoodToGo SSC 1391
(357 Min., 1955–1966) 6 CDs

Er war gut. Aber kein Superstar. Er verkehrte in Millionärskreisen, begleitete Stars wie die Sängerin Anita OʼDay. In der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre trat er häufig im New Yorker Jazzclub Birdland auf; danach entschied er sich für ein Dasein als musikalischer Leiter und Sideman prominenter Sänger und Sängerinnen, darunter June Christy und Tony Martin sowie die Mitgliedschaft in diversen Bigbands und Orchestern und kehrte doch immer wieder zum Jazz zurück.
Zwei Boxen, die 2015 erschienene und mittlerweile vergriffene, sechs Discs umfassende Sammlung „Lush Life“ sowie die soeben veröffentlichte, ebenfalls mit sechs Discs bestückte Zusammenstellung „Passion Flower“ erinnern an diese Jazzseite von Joseph Armand „Joe“ Castro mit Aufnahmen, die bei Atlantic Records erschienen sind oder für das Label Clover geplant waren, das er mit seiner Lebenspartnerin, der der Millionärin Doris Duke, gegründet hatte. Ein besonderes Schmankerl aus diesem Fundus ist eine Scheibe mit zehn formbewussten Solo- und Triostücken des späteren Avantgarde-Pianisten Paul Bley sowie acht Einspielungen der Sängerin Flo Handy mit dem Pianisten George Handy – beide blieben bis 2020 im Archiv liegen.
Joe Castro selbst hielt sich überwiegend an die Konventionen der Cool-Schule, wobei in seinen Trios unter anderem Größen wie die Kontrabassisten Leroy Vinnegar, Red Mitchell, Paul Chambers und Teddy Kottick sowie die Schlagzeuger Jimmy Pratt, Philly Joe Jones, Billy Higgins und Paul Motian mitwirkten. Auf dem 1957 bei Atlantic erschienene Album „Mood Jazz – With Voices & Strings“ hatte der Produzent Neal Hefti den zeittypischen Vokalgesang seiner „Neal Hefti Singers“ und das passagenweise aktive „Neal Hefti String Orchestra“ mit Castros Trio verschmolzen und die Addelery-Brüder Nat und Cannonball mit Trompeten- und Altsaxofonsoli betraut. „Here is an extremely talentete individual, a fine musician, an excellent pianist and a tasteful performer“ kommentierte Dave Brubeck in den Liner Notes der LP die wohldurchdachten Aufnahmen.
Im Gegensatz dazu strich Castro auf dem Atlantic-Album „Groove Funk Soul“ 1959 seine kernigere, bluesige Seite hervor. Das 1966 auf Clover erschienene Album „Remind Me“ zeigt ihn als swingenden Mainstream-Pianisten, dessen ausgewogenes Spiel das Bob Cooper Ensemble um die Klangfarben von sechs Bläsern erweitert – Duke Ellington war von Castros harmonischen und rhythmischen Veränderungen an seinen Stücken so begeistert, dass er ihm schrieb, er würde gerne mehr davon hören.
Aufnahmen, die Castro zwar fertiggestellt hatte, aber nach der Trennung von Doris Duke nicht mehr auf Clover herausbringen konnte, ergänzen die Wiederveröffentlichungen. Dass das amerikanische Label Sunnyside nun lange Vergessenes und erstmals Zugängliches in einer firmenübergreifenden Edition zusammenfasst, bereichert die Jazzgeschichtsschreibung um eine Facette jenseits der großen Namen.

Werner Stiefele, 09.01.2021



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