Das waren noch TV-Zeiten, als die Granden der zeitgenössischen Musik auch das Studiopublikum mit ihren gewöhnungsbedürftigen Klangideen mindestens zum Schmunzeln brachten. Lange bevor bei Alfred Bioleks Unterhaltungsshow „Bioʼs Bahnhof“ Dieter Schnebel mit seinen surrealen Flüster- und Stotter-Kompositionen für etwas andere Abendstimmung sorgte, hieß es: Vorhang auf für John Cage und seinen „Water Walk“. In der beliebten amerikanischen TV-Show „Iʼve got a Secrect“ zeigte 1960 Cage dem Publikum, wie man mit Gießkanne und Badewanne Musik machen kann. Mit diesem Auftritt eröffneten nun auch die beiden Regisseure Allan Miller und Paul Smaczny ihre Dokumentation „Journeys in Sound“, mit der sie einen der provokantesten und zugleich bewundernswürdigsten der Freigeister in der Musikgeschichte überhaupt porträtierten. Diese bereits 2012 entstandene Produktion, bei der man auch solchen prominenten Fans und Weggefährten wie Wolfgang Rihm, David Tudor und John Lennon begegnet, ist jetzt Teil der erstklassig aufgemachten DVD-Box „Composers of the 20th Century“. Sämtliche hierfür ausgewählten Dokumentationen und Live-Mitschnitte sind sechs Komponisten gewidmet, ohne die die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts nicht nur ärmer, sondern auch konfektionierter abgelaufen wäre. Dementsprechend könnte man allein schon nach dem Cage-Film direkt mit „Satiesfictions“ weitermachen. Denn der Franzose Erik Satie war schließlich für Cage ein riesiges Idol. In dem Biopic, das auch mit historischen Filmschnipseln Saties Zeit beleuchtet, kommen darüber hinaus Künstlerfreunde wie Jean Cocteau, Man Ray und Virgil Thomson zu Wort. Charles Ives, der gerne als Vater der amerikanischen Moderne gepriesen wird und mit seinen Soundcollagen durchaus wichtige Impulse auch für Cage aussendete, steht bei der jüngsten, von 2019 stammenden DVD-Produktion im Mittelpunkt. Der Titel „Universe, Incomplete“ bezieht sich auf Ivesʼ unvollendet gebliebene „Universe Symphony“, die alle Aufführungspraktiken gesprengt hätte. Für eine Aufführung im Rahmen der Ruhrtriennale rekonstruierte nun Regisseur Christoph Marthaler mit einem Riesenstab an Schauspielern und Musikern (unter anderem die Bochumer Symphoniker unter Titus Engel) das vorhandene Notenmaterial und verzahnte es mit Ives-Klassikern wie „The Unanswered Question“ zu einem skurrilen, auch humorvollen Musiktheater-Bogen. Ebenfalls auf einer Neuinszenierung basiert „The Lost Paradise“, bei der der aus Estland stammende Komponist Arvo Pärt auf den amerikanischen Theaterregisseur Robert Wilson trifft. Auslöser war Pärts „Adamʼs Passion“, die Wilson 2015 in Tallinn eingerichtet hatte. Der Filmregisseur Günter Atteln hatte damals nicht nur das Glück, den Probenverlauf zu dokumentieren, sondern sich für „Paradise Lost“ ein Jahr lang mit seiner Kamera an die Fersen des eigentlich extrem scheuen Pärt zu heften. Die Filme über zwei auch hochpolitische und daher oftmals heftig angefeindete und drangsalierte Komponisten runden diese Box ab. „Inbetween“ lautet die filmische Abenteuerreise in Erinnerung an den Koreaner Isang Yun. „A Tribute to Krzysztof Penderecki“ entstand 2013 im Rahmen einer Warschauer Geburtstagsgala zu Ehren des polnischen Komponisten. Und zu seinem 80. gratulierten immerhin Charles Dutoit, Anne-Sophie Mutter und Valery Gergiev.

Guido Fischer, 16.01.2021



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