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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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Avalon Songs

Yuri Honing, Wolfert Brederode

Challenge/Bertus CR73517
(38 Min., 7/2020)

Musste schon König Artus in Quarantäne? Immerhin sagt die Legende, dass er auf die geheimnisvolle Insel Avalon entrückt wurde, um sich fernab der Gesellschaft von einem Leiden zu kurieren. Auch wenn es sich dabei wohl nicht um Corona, sondern um Kampfverletzungen handelte, sieht der niederländische Tenorsaxofonist Yuri Honing in Avalon ein passendes Bild für das Leben unter Pandemiebedingungen.
In einen ähnlichen Nebel der Ungewissheit wie die mythische Insel sind nämlich auch die acht „Avalon Songs“ getaucht, die Honing im Juli 2020 gemeinsam mit seinem Landsmann Wolfert Brederode an Klavier und E-Piano einspielte. Die beiden Niederländer haben sich bei der Interpretation eigener Stücke sowie solcher aus der Feder Charlie Hadens, Friedrich Hollaenders oder Billy Strayhorns äußerste Zurückhaltung auferlegt. Lange Notenwerte dominieren, sparsame Soli geschehen wie nebenbei. Und alles lebt von einem naturhaften Gestus: Das Klavier lässt im Titelstück „Avalon“ Töne wie schwere Regentropfen fallen oder beschwört in „Ebb“ die Wellenbewegungen eines unbekannten Meeres, dazu hört man immer wieder, wie der Atem, jenes kostbare Gut, durch das Saxofon fließt und erstirbt.
Honing versagt sich jeden Effekt, nur im chopinesken „Under Milk Wood“ genehmigt er sich mal ein paar Triller. Ansonsten ist er ein schwermütiger, einsilbiger Barde, der sich gut an der Seite von Saxofonrecken wie Jan Garbarek oder dem Balladen-Coltrane an der Tafelrunde machen würde. Dass Honing ein Geschichtenerzähler auf seinem Instrument ist, weiß man spätestens seit seiner Einspielung von Schuberts „Winterreise“ 2007, bei der er den Gesangsteil spielte. Auch auf „Avalon Songs“ sollte man Worte mitdenken, wenn der Saxofonist sonor verloren in Zeitlupentempo bläst, etwa zu Hollaenders „Wenn ich mir was wünschen dürfte“: „Wenn ich mir was wünschen dürfte/Möcht ich etwas glücklich sein/Denn wenn ich gar zu glücklich wärʼ/Hätt ich Heimweh nach dem Traurigsein“.
In diesem eigenartigen Schwebezustand aus einem unerklärlichen Leiden an sich selbst und einem unentschiedenen Sehnen befinden sich übrigens auch Honigs und Brederodes „Avalon Songs“. Wenn man dürfte, hätte man sich mehr Abwechslung in den zuweilen doch etwas uniform wallenden Elegie-Nebelschwaden gewünscht.

Josef Engels, 16.01.2021



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