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Frédéric Chopin

Balladen Nr. 1–4, Impromptus Nr. 1–4

Anna Vinnitskaya

Alpha/Note 1 ALP728
(57 Min., 5 & 6/2020)

Die vier Balladen, dazu vier Impromptus – unter ihnen das berühmte „Fantaisie-Impromptu“ in cis-Moll: acht Mal Chopin auf der vollen Höhe seiner Kreativität. Mit diesem großartigen Programm präsentiert sich die renommierte russische Pianistin Anna Vinnitskaya auf ihrem neusten Album. Und es ist wahrlich eine Freude, ihrem kreativen Dialog mit Chopin zu lauschen. Vinnitskaya agiert unaufgeregt und zurückhaltend, sie bevorzugt eher matte Klangfarben, vermeidet auch auf dynamischer Ebene jegliche äußere Effekthascherei und trumpft mit ihrer freilich stets selbstverständlich verfügbaren Virtuosität niemals auf. Das eher scheue Wesen des romantischen Künstlers per se, Chopins im Besonderen, scheint hier vorbildhaft die Darbietung zu beeinflussen, außerdem aber womöglich auch die Idee einer gewissen postmodernen Glätte, die sich nicht unbedingt allein mit interpretatorischer Bescheidenheit erklären lässt. An dieser Stelle kann man den Unterschied festmachen zum Chopin-Bild der „großen Alten“, also etwa Alfred Cortot oder Arthur Rubinstein, so wie man es an ihren Aufnahmen studieren kann. Hört man etwa Rubinstein mit der g-Moll-Ballade Chopins, dann wird man gleich zu Anfang schon vollends in den Bann geschlagen von seiner Ausgestaltung der bekannten Melodik im ersten Abschnitt nach der kurzen Einleitung. Nicht allein das Ausspannen eines großen melodischen Bogens ist hier offenbar Rubinsteins Absicht, sondern zusätzlich auch die stupend differenzierte Beleuchtung und Gewichtung jedes einzelnen Tones der Melodie, ganz nach dem Vorbild des italienischen Operngesangs alter Schule. Das Wunder ist, dass trotz dieser Einzel-Gestaltung jedes Melodietons der große kantable Bogen überhaupt nicht leidet. In dieser Hinsicht gestaltet Vinnitskaya weitaus nüchterner: Auch unter ihren Fingern singt das Klavier, kein Zweifel – aber es singt ebenmäßiger, gleichförmiger, letztendlich neutraler. Ein Genuss ist auch das, allemal. Aber im direkten Vergleich beeindruckt den Verfasser dieser Zeilen der interpretatorische Zugang der „alten Schule“ noch mehr.

Michael Wersin, 06.02.2021



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