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Johann Sebastian Bach

„Alla Veneziana“ (The Complete Works for Keyboard Vol. 4)

Benjamin Alard

harmonia mundi HMM 902460.62
(197 Min., k. A.) 3 CDs

Die souveräne und planvolle Art und Weise, mit welcher der junge Johann Sebastian Bach sich in Weimar die italienische Gattung „Concerto“ erarbeitet und seinem eigenen Stil anverwandelt hat, zählt zu den besonders faszinierenden Aspekten seiner künstlerischen Biografie. Bachs prominenter Weimarer Schüler, der später jung verstorbene Prinz Johann Ernst, spielt eine wichtige Rolle in dieser Geschichte: Sein „Hunger“ nach neuer, moderner Literatur für das Tasteninstrument und sein Zugriff auf brandneues italienisches Notenmaterial, das er zum Teil aus Amsterdam bezog (im Weimarer Schloss war für diesen wachsenden Bestand eigens ein Schrank angeschafft worden), scheint Bach zusätzlich inspiriert und angespornt zu haben. Den Weg zu eigenen Concerti für Orchester beschritt Bach zunächst mittels Übertragung fremder Kompositionen auf das Tasteninstrument – auch dies ein erstaunliches Detail, denn zumindest das Cembalo mit seinen im Vergleich zum Orchester eingeschränkten klanglichen Möglichkeiten scheint ja eine Einengung des Horizonts mit sich zu bringen. Aber Bachs Affinität zur Tastatur – und vermutlich auch der dringende Wunsch des Prinzen, die italienischen Werke einfach allein nachspielen zu können – gab offenbar den Ausschlag. Bach hat sich bei seinen Vivaldi- oder Marcello-Adaptionen eine Menge Gedanken darüber gemacht, wie etwa Tutti- und Soloeffekte auf die Tastatur „hinüberzuretten“ sind.
Benjamin Alard setzt mit seinen Interpretationen unter anderem an diesem Punkt an: Gebrochene Akkorde oder ungebrochene Griffweise, Legato-basiertes Cantabile oder markanteres Non legato, all dies natürlich differenziert eingesetzt im Zusammenspiel der beiden Hände. Ferner freilich auch genaues Studium der Originalpartituren der transkribierten Werke – Alards Zugriff auf das Repertoire dieser Folge zeichnet sich durch die gewohnte weitgefasste Gründlichkeit aus und findet seine Erfüllung in einer überlegen spielfreudigen Darbietung. Mit einer Besonderheit im Vergleich zu anderen Einspielungen des Repertoires wartet Alard außerdem auf: Für diejenigen Concerti, die Bach auf die Orgel übertragen hat, verwendet der Musiker weitgehend keine Orgel, sondern ein Pedal-Cembalo (Nachbau eines Instruments von C. C. Fleischer aus dem Jahre 1720). So kommt die Orgel – das wunderbare Silbermann-Instrument in Marmoutier – in dieser Folge nur auf einer der drei CDs zur Geltung: Das C-Dur-Concert BWV 594, die Toccata BWV 564 sowie einige Choralvorspiele erfahren dank diesem Prachtstück eine angemessene Wiedergabe.

Michael Wersin, 13.02.2021



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