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Luigi Nono

La lontananza nostalgica utopica futura

Marco Fusi, Pierluigi Billone

Kairos/Note 1 0015086KAI
(61 Min., 3/2020)

Zu den Speerspitzen der Nachkriegsavantgarde gehörte der Italiener Luigi Nono. Und wie seine Kollegen Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez propagierte er eine radikal neue Sichtweise auf eine von der Tradition nahezu befreite Musik. Wobei sich Nonos humanistisches Denken fortan auch in hochpolitischen Werken niederschlug. Spätestens mit seinem 1980 uraufgeführten Streichquartett, das sich als Feier kaum hörbarer Klanggesten entpuppte, ging Nono nun einen neuen, das genaue, bewusste Hinhören provozierenden Weg. Niedergeschlagen hat sich diese musikalische Kehrtwende auch in dem elektro-akustischem Kammermusikwerk „La lontananza nostalgica utopica futura“ (1988/89), das zu Nonos letzten Kompositionen gehört (er starb 1990). „Madrigale per più ‚caminantes‘ con Gidon Kremer, violino solo, 8 nastri magnetici, da 8 a 10 leggii“ (Madrigal für mehrere „Umhergehende“ mit Gidon Kremer, Solovioline, 8 Tonbänder und 8 bis 10 Notenständer) lautet der Untertitel dieses eben für Gidon Kremer geschriebenen Raumklang-Parcours, bei dem der Solist die einzelnen Notenständer laut Nono „erwandert“. Als ständiger Begleiter und Dialogpartner fungieren dabei die auf Tonband aufgezeichneten und von Kremer gespielten Stimmen, die von einem Klangregisseur zwischen die einzelnen Stationen eingewoben werden. Das szenische Umherwandern als Ausdruck eines ständigen Entdeckens verborgener musikalischer Spuren und damit eines wie immer auch gearteten, utopischen Tonpfads ist diesem Werk somit eingeschrieben. Trotzdem verbünden sich regelmäßig Interpreten nicht selten mit Komponisten, die die konservierten Klangsplitter und -schlieren regulieren. Nun haben sich dazu der italienische Geiger Marco Fusi und Pierluigi Billone zusammengetan, der unter anderem bei Salvatore Sciarrino und dem ehemaligen Nono-Schüler Helmut Lachenmann studiert hat. Und wenngleich der Eindruck eines dreidimensionale Klangraums sich doch am ehesten über Kopfhörer vermittelt (wobei nur auf Streamingdiensten auch eine entsprechende binaurale Version enthalten ist), begreift man angesichts der schattenhaften Partikel, gereizten Mikrotonalität und bisweilen ohrenbetäubenden Spannungen zwischen Stille und Nicht-Stille, worauf Nono mit seinem Spätwerk abzielte. Es war „die große, aufrührerische Aussage mit kleinsten Mitteln“. Und diese Aussage vermittelt Marco Fusi jetzt aufwühlend spektakulär.

Guido Fischer, 13.02.2021



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