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Garden of Expression

Joe Lovano, Marilyn Crispell, Carmen Castaldi

ECM/Universal 6796426
(48 Min., 11/2019)

Man kennt und schätzt sich schon seit Ewigkeiten: Die Pianistin Marilyn Crispell lernte der Saxofon-Alleskönner Joe Lovano in den 1980ern kennen, als sie in der Band von Anthony Braxton spielte. Noch weiter zurück reicht die Freundschaft mit Schlagzeuger Carmen Castaldi – die beiden wuchsen zusammen in Cleveland auf.
Diese langjährige Verbundenheit und Vertrautheit ist dem 2018 unter dem Namen „Trio Tapestry“ gegründeten Dreierbund deutlich anzuhören. Stellenweise könnte man sogar von telepathischer Kommunikation sprechen. Zum Beispiel dann, wenn Castaldi im „Chapel Song“ das Tenorsaxofon auf seinen Schlagzeug-Becken erzählerisch rahmt und jede Gefühlsregung umgehend einfühlsam kommentiert. Zu guter Letzt, im Stück „Zen Like“, verschmelzen die drei Trio-Mitglieder sogar und werden zu einem einzigen menschlichen Windglockenspiel – hier schwingende Gongs, da eine klingelnde Klaviersaite und dort ein feines Sopranbimmeln.
Ein meditativ-sakraler Grundton durchzieht das zweite gemeinsame Album von Lovano, Crispell und Castaldi, der sich auch in Stücktiteln wie „The Sacred Chant“ artikuliert. Mit Religion im etymologischen Sinne hat die Musik aber nichts zu tun. Denn von Rückbindung und Festmachen, wie es im lateinischen Verb religare anklingt, kann hier nicht die Rede sein. Ganz im Gegenteil: In Bezug auf die harmonische und rhythmische Ausgestaltung der von Lovano geschriebenen Nummern herrscht größte Freiheit.
Crispell und Castaldi nutzen diese weidlich. Vom Drumset her raschelt, pulsiert und dingdongelt es auf ganz eigene Weise. Und auf dem Flügel setzt die von Cecil Taylor für ihren Stil des „new lyricism“ verehrte Crispell die Naturgesetze außer Kraft. Mal erschafft sie mächtig wirbelnde Wasserstrudel in der Luft, mal begleitet sie geerdet eine Ballade und klingt dabei so schwerelos, als befände sie sich im All.
Dabei verlieren sie ihren Partner auf der Wanderung durch den titelgebenden Garten der Ausdrucksmöglichkeiten niemals aus den Augen: Lovano, der versonnene Melodieflüsterer auf Saxofon und dem sanften wesensverwandten Tárogató, weiß sich immer gut aufgehoben. Dafür sind Freunde schließlich da.

Josef Engels, 27.02.2021



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