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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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Live

R+R=Now

Blue Note/Universal 3546162
(72 Min., 10/2018)

Wem der Bandname nichts sagt, dem sei mathematisch auf die Sprünge geholfen: Hinter der Gleichung R+R=Now verbirgt sich die Summe aus überhaupt nicht Unbekannten. So gehören dem vom Pianisten Robert Glasper 2017 für einen Auftritt beim „South By Southwest“-Festival erstmals zusammengestellten Ensemble lauter Überflieger an: der Trompeter Christian Scott aTunde Adjuah, der E-Bassist Derrick Hodge, Synthesizer-Spezialist und Sänger-Sohn Taylor McFerrin, Drummer Justin Tyson sowie Multitalent Terrace Martin an Vocoder, Synthesizer und Altsaxofon.
Im Betätigungsfeld des Letztgenannten konzentriert sich wie unter einem Brennglas, was R+R=Now ausmacht. So ist Martin nicht nur einer der wichtigsten Hip-Hop-Produzenten der Gegenwart (unter anderem für Kendrick Lamar), sondern kann auch die im Wikipedia-Eintrag behauptete Liebe für John Coltrane, Jackie McLean oder Sonny Stitt mit seinem Altsaxofon-Spiel beglaubigen. In dem im New Yorker Blue-Note-Club aufgenommenen Live-Mitschnitt lässt Martin jedenfalls eine gewisse Ähnlichkeit mit Kenny Garretts Funk-Expressivität an der Seite von Miles erkennen.
Wohingegen sein Einsatz des Vocoders zwar auch einen Großen gemahnt, dessen neues Album Martin gerade mitproduziert (und zwar an Herbie Hancock und dessen synthetisches Gesangsplatte „Sunlight“ von 1978), aber durchaus diskussionswürdig ist. Zum einen mangelt es an Textverständlichkeit, zum anderen wirkt die Roboterstimme auf Dauer wie ein ermüdendes Gimmick.
Aber vielleicht ist das auch eine Geschmacksfrage. Die kann man sich schließlich auch bei den Tonverfremdungseffekten stellen, mit denen Christian Scott aTunde Adjuah seinen Trompetenklang beständig modifiziert. Doch hier scheint der Einsatz berechtigt. Die elektronischen Modulationen legen sich wie eine unsichtbare Barriere vor das voller Kraft und oft auch voller Wut geblasene Horn; manchmal wirkt es so, als begehre ein zu Unrecht Verurteilter gegen sein Gefängnis auf.
So oder so passt die Soundästhetik des Trompeters perfekt zu dem Gesamtklang der Band, der auf vielfältige Weise zwischen Fusion-Retrogeist und Hip-Hop-Gegenwart vermittelt. Da wird Kendrick Lamars „How Much A Dollar Cost“ milesifiziert oder Thelonious Monk als Breakbeatspezialist wiedergeboren (in Glaspers Klaviersolo zu „Change of Tone“, das wie eine Zoom-Konferenz mit schlechtem WLAN klingt), da gibt es lang gestreckte Moog-Exkurse genauso wie Daumenklavier-Grooves, Pharoah-Sanders-Verweise oder popsoulige Unverbindlichkeit. Dass das im Konzert alles noch verspielter und energiereicher als auf der Studioeinspielung „Collagically Speaking“ herüberkommt, beweist, dass die Jazz-Gleichung von R+R=Now durchaus aufgeht.

Josef Engels, 13.03.2021



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