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N° 1266
13. - 19.08.2022

nächste Aktualisierung
am 20.08.2022



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Johannes Ockeghem

Missa Prolationum

L’ultima parola

Raumklang/hm RK 3902
(49 Min., 5/2019)

Dass Musik mit Mathematik zu tun hat, ist eine Binsenweisheit, die durchaus eine Menge Gesprächsstoff bietet für angeregte Diskurse in akademisch gebildeten Runden. Da lässt sich trefflich philosophieren über Pythagoras und seine Experimente mit der Saitenteilung, über Intervalle, Obertonreihe und Formanten, auch darüber, dass im harmonikalen Weltbild alles mit allem zusammenhängt und dass Musik aufgrund ihrer Zahlenbasiertheit pars pro toto steht für das ganze Universum. Freilich, schon Pythagoras hat – zu seinem Schrecken vielleicht? – herausgefunden, dass die Sphärenharmonie, gerade wenn man sie herunterbricht auf die Musiktheorie und ihre Gesetzmäßigkeiten, am Ende doch nicht reibungsfrei aufgeht: Das nach dem auf Samos beheimateten Philosophen benannte Komma ist nur eine von vielen Bruchstellen, die das System zum Wanken bringen. Eine Erklärung für diesen Makel konnte vielleicht erst das Christentum liefern: Sind etwa die Risse, die das Gebäude der Schöpfung zumindest aus menschlicher Perspektive aufweist, Sinnbild für seine Korrumpiertheit und die daraus resultierende Erlösungsbedürftigkeit? Zahllose Komponisten der ersten 15, 16 oder gar 18 christlichen Jahrhunderte haben gegen diesen Makel angeschrieben. Sie haben das musikalische Talent, das ihnen der Schöpfer mit auf den Erdenweg gegeben hat, unter Einsatz höchster Kreativität in Werken zurückerstattet als Dankopfer, dessen Komplexität im einen oder anderen Ernstfall fast nur der Schöpfer selbst ganz und gar durchschauen kann. Johannes Ockeghem war in diesem Sinne einer der raffiniertesten Tonsetzer, und es ist eine fast übermenschliche Leistung des Beiheft-Autors Clemens Goldberg, die mathematisch-musikalische Idee von Ockeghems „Missa Prolationum“ in einem überschaubaren, gut lesbaren Text nicht nur zu erklären, sondern auch noch philosophisch zu überhöhen. Aber wie steht es mit der Wiedergabe dieser vertrackten Messe, deren Musik nur zur einen Hälfte notiert ist, zur anderen Hälfte aber „in actu“ erschlossen werden muss? Sie hat durch das Ensemble L’ultima parola zu einer optimalen Interpretation gefunden. Die Herausforderung ist nämlich, ein so extrem Mathematik-generiertes Konstrukt zum Leben zu erwecken und dabei der Vision einer (aus irdischer Perspektive doch nicht zu erreichenden) göttlichen Sphäre eine ansprechende, im besten Fall ergreifende menschliche Dimension beizugesellen. Die vier Einzelstimmen des Ensembles, jede für sich von charakteristischer, individueller Prägung und gleichzeitig doch auch fähig zur reibungsfreien Einpassung in einen Ensembleklang, brillieren je für sich und im Miteinander durch gediegene gestalterische Raffinesse. Einheit aus Vielfalt könnte ein Motto gleichermaßen für die bemerkenswerte Kompetenz des Ensembles wie auch für die eingespielte Musik von Johannes Ockeghem sein.

Michael Wersin, 24.04.2021



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