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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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Flor

Gretchen Parlato

Edition/Membran EDN1170
(47 Min., k. A.)

Wenn Musikerinnen oder Musiker Eltern werden, ist das mit einer gewissen Gefahr verbunden: Vor lauter berechtigtem Glück drohen auf der nächsten Platte rührselige Texte, putzige Wiegenlieder und ungelenke Kinderstimmen. Gretchen Parlato macht da auf „Flor“, dem ersten Album seit der Geburt ihres Sohnes, keine Ausnahme. Im Gegenteil: Auf der Aufnahme zu hören sind unter anderem ein Schlaflied mit zirkusartigem Mittelteil und Spielzeuggeräuschen („What Does a Lion Say?“), eine muntere Mutmachnummer mit süß lispelnden Kindern („Wonderful“) oder ein Stück, das tatsächlich von einem Vierjährigen verfasst wurde („Magnus“).
Kindisch ist die erste Einspielung der Sängerin seit der 2013 erschienenen Konzertaufnahme „Live in NYC“ dennoch keineswegs. Vielmehr hat die Mutterschaft Parlato dazu gebracht, sich an ihr eigenes Aufwachsen und den Zauber der frühen musikalischen Entdeckungen zu erinnern. Es ist die Musik Brasiliens zur Zeit der sanften Bossa-Nova-Revolution, die die Teenagerin Parlato beeindruckte und der sie auf „Flor“ nun mit großer Reife huldigt.
Schon immer war der Einfluss von João Gilberto auf ihren Gesangsstil deutlich erkennbar, dieses Traumtrunkene und Anstrengungslose, das so klingt, als würde man mit beinahe geschlossenem Mund vor sich hinsummen. Auf „Flor“ nähert sich Parlato ihrem Vorbild nun aber nicht nur mit einem Song aus seinem Repertoire („É Preciso Perdoar”), sondern auch in der Besetzung. Mit Marcel Camargo hat sie sich einen „musical director“ ausgesucht, dessen akustische Gitarre tief in der brasilianischen Tradition verwurzelt ist. Drummer Léo Costa und der wegweisende brasilianische Percussionist Airto Moreira als Gast sorgen für tänzelnde Bossa- und Samba-Grooves, die auch mal in Richtung von Sergio Mendes „Brasil '77“ trippeln können (etwa in dem Roy-Hargrove-Tribut „Roy Allan“).
Der Besetzungsclou ist freilich der armenische Cellist Artyom Manukyan. Der kann sowohl als Streicherbeilage wie auch als lässiges kontrabassiges Fundament fungieren. Und erweist sich in den beiden Ausflügen in die Klassik – Pixinguinhas „Rosa“ und die Menuette aus Bachs Cello-Suite Nr. 1, BWV 1007 – als perfekter Counterpart zu Parlatos nonverbalen Melodie-Girlanden.
Allerdings wird Bach hier nicht bloß brav nachgespielt und -gesungen, sondern nach und nach latinifiziert, bis er irgendwann ein Südamerikaner ist. Wie Parlato ohnehin nichts von ihrem Geschick eingebüßt hat, sich Fremdes derart anzueignen, dass es komplett nach ihr klingt. Beste Beispiele sind dafür auf „Flor“ die Bearbeitungen von David Bowies „No Plan“ sowie Anita Bakers Eighties-Hit „Sweet Love“ mit Gerald Clayton am E-Piano, einem krummen 5/4-Takt als schwankende Rhythmus-Grundlage sowie einem Scat-Solo, das so klingt, als würde Gretchen Parlato ein köstliches Dessert verspeisen. Mama hatʼs noch drauf.

Josef Engels, 24.04.2021



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