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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



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Afterallogy

Noa

Naive/Soulfood NJ 7378
(43 Min., 2020)

Sie hat Pop, R&B und Country gesungen sowie italienische Canzoni, sie hat jeminitisches Liedgut ihrer Vorfahren interpretiert und zuletzt auch Johann Sebastian Bach. Jetzt legt die populäre israelische Vokalistin Noa gemeinsam mit ihrem langjährigen Gitarren-Partner Gil Dor ein Album mit Stücken aus dem Great American Songbook vor. Was zunächst wie eine fällige Pflichtübung wirkt, um einen „Check“-Haken im musikalischen Lebenslauf zu setzen, entpuppt sich bei näherem Hinsehen und -hören als Herzensangelegenheit.
Denn die in Israel geborene und in New York aufgewachsene Noa hat eine durchaus innige Beziehung zum Standardrepertoire des Jazz. Sie wuchs damit auf und griff darauf auch bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt an der Seite Gil Dors zurück, der damals, 1990, ihr Hochschul-Professor war. Aufgrund dieses Konzerts wurde Pat Metheny auf sie aufmerksam und produzierte ihr internationales Platten-Debüt.
So gesehen ist es also zweifellos gerechtfertigt, wenn sich Noa und Dor nach über 30 Jahren der Zusammenarbeit mit „Afterallogy“ an ihre Wurzeln erinnern, die bei Cole Porter oder Hart und Rodgers & Co. liegen.
Ist der Auftakt „My Funny Valentine“ noch ein wenig zu formell, zu sehr um Perfektion bemüht, so wirkt die Aufnahme von Stück zu Stück merklich entspannter. Bei „This Masquerade“, das Noa textlich zu einer Emanzipationsgeschichte umdeutet, juchzt der Gesang im Unisono mit einem markanten Gitarren-Lick. „Anything Goes“ wiederum, das die Sängerin neckisch auch auf Gegenwartsphänomene wie Trump oder soziale Medien ausweitet, bietet Dor die Gelegenheit zu einer fein swingenden Walking-Bass-Passage auf seiner Archtop-Gibson L-5. Und bei der Vertonung von „Oh, Lord“ aus der Feder der israelischen Dichterin Leah Goldberg lässt sich Noa sogar zu einer spaßigen Trompetensolo-Imitation hinreißen, die ein bisschen wie Donald Duck klingt.
Vergleicht man eine Nummer wie Billy Strayhorns „Lush Life“ mit der Interpretation von Ella Fitzgerald und Joe Pass auf „Take Love Easy“, fällt der Klassenunterschied natürlich schon auf. Wie die Israelin mit ihrem schulbuchmäßigen Vortrag auch gerne Mal in Richtung Musical tendiert, was sich besonders in „Somethingʼs Coming“ aus der „West Side Story“ oder in dem von ihr geschriebenen „Calling Home“ zeigt.
Das mag aber auch dem Personalstil der Israelin geschuldet sein, die eher eine strahlende Fanfare als ein verschattetes Flügelhorn ist. Und da es ja im Jazz nicht nur erlaubt, sondern auch ausdrücklich erwünscht ist, eine eigene Persönlichkeit zu zeigen, lässt sich gegen „Afterallogy“ auch nichts ernsthaft einwenden. Prüfung bestanden.

Josef Engels, 08.05.2021



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