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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



Das wurde aber auch Zeit: nachdem den Freunden von Händel-Opern in historischem Klanggewand lange Jahre nur die Ersteinspielung von Jean-Claude Malgoire mit dem spidderigen Streichersound der späten Siebziger entgegenlächelte, ist sein populärer "Serse" (Xerxes) endlich in einer neuen (um nicht zu sagen: zeitgemäßen) Einspielung zu haben. Am geringsten fallen die Unterschiede bei den Stimmen ins Ohr: Während Malgoire "noch" auf große sinnliche Stimmen vom Typus einer Barbara Hendricks setzte, tut es William Christie "wieder": vibratolose Nachtigallen wollen Anne Sofie von Otter, Silvia Tro Santafè und auch der schmeichelnd weiche Counter Zazzo vorsätzlich nicht sein. Was das Orchester betrifft, gibt es dagegen einen Quantensprung in Intonationsreinheit, Tempo, Geschmeidigkeit des Klangs, Plastizität sowie rhythmischer Präzision - und das alles ist dazu noch "live" aufgenommen! Als Referenzeinspielung dürfte dieser wunderbar sorgfältig vorbereitete "Serse" die Interpretation Malgoires daher mit vollem Recht aus den Regalen fegen. Um die Konkurrenz für die nächsten 25 Jahre nicht ganz zu entmutigen, hier dennoch, mit der Lupe in der Hand, ein paar kritische Anmerkungen: Weiß man, dass Händel die Rolle des neurotischen Herrschers Xerxes typgerecht mit einem der diven- und flegelhaftesten Kastraten seiner Zeit besetzte, kann einem die durchaus engagiert wirkende Anne Sofie von Otter doch als etwas blässlich erscheinen. (Zumal auch Sandrine Piau als Atalanta und Antonio Abete als Elviro starke Charaktere abgeben). Primadonna Elizabeth Norberg-Schulz in der Rolle der allseits begehrten Prinzessin Romilda wird in der Höhe tendenziell lauter statt leiser- letzteres wäre historisch richtiger und jedenfalls verführerischer. Der Wahlfranzose Christie wiederum scheint bisweilen mit einem gewissen Akzent zu dirigieren, d. h., er erfasst die Arien zuallererst über die in ihnen angelegten Tanzrhythmen - was die Solisten gelegentlich am völligen emotionalen Auskosten ihrer italienischen Kantilenen hindert. Die Einsicht, dass man barocke Rezitative skandieren muss, damit sich der schlagfertige Witz ihrer gereimten Dialoge voll entfaltet, ist dagegen leider noch nicht so allgemein verbreitet, wie es sich der Rezensent wünschen würde: In diesem Punkt darf man die Interpreten, die ansonsten mit Verve deklamieren, daher jetzt noch nicht tadeln. Doch wer weiß schon, wie man in 25 Jahren darüber denkt ...

Carsten Niemann, 13.11.2004



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