Ein immer noch zu wenig bekanntes Meisterwerk aus Georg Friedrich Händels bester Opernzeit, Mitte der 1720er-Jahre, ist dessen „Rodelinda“. Eine komplexe, klangsatte Intrigengeschichte mit Liebe, Hass und Meuchelmord am langobardischen Königshof im frühmittelalterlichen Mailand. Innerlich, düster, voll von melancholischer, selten glänzender Melodik. Als timider Tyrann Grimoaldo, der allerdings Charme hat, umwirbt der geschmeidig tenorstarke, aber ein wenig monochrome Joshua Ellicott die abgesetzte Königin Rodelinda. Mit ihrem betörend strahlenden, aber auch variabel facettenreichen Sopran verleiht Lucy Crowe ihr Vokalkontur. Zum klangfeinen Höhepunkt der Aufnahme gerät das einzige Duett, die traumschöne Wiederkennungsszene des Ehepaars Rodelinda-Bertarido am Ende des zweiten Aktes: „Io t’abbraccio“ – „Ich umarme dich“. Den Ex-Potentat singt flexibel und wohltönend der renommierte englische Countertenor Iestyn Davies. Vor allem in seinem verzierten Kampfesruf „Vivi, tiranno“ darf er stimmlich abräumen. Als elegant-serviler Garibaldo gefällt der helle Bassbariton von Brandon Cedel mit seinen ewigen Nachstellereien, die beider Herrscher Schwester Eduige gelten. Die übernimmt mit sonorem, doch leichtem Contralto Jess Dandy. Und selbst für die zwei zart kolorierten Arien des Unolfo wurde der feinstimmige Countertenor Tim Mead aufgeboten. Vom Cembalo aus gibt Harry Bicket dem klanglichen Händel-Glück akustisch belebende Gestalt, so fein wie farbig. Das English Concert tönt mal festlich, mal melancholisch, zum lieto fine aber sind dann doch alle klanglich heiter gestimmt.

Matthias Siehler, 12.06.2021



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