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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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Purest Form

James Francies

Blue Note/Universal 3587622
(55 Min., k. A.)

Der Pianist und Keyboarder James Francies ist ein typischer Vertreter der neuen Generation, die beim Traditionslabel Blue Note unter der Leitung von Don Was inzwischen den Ton angibt: Der 1995 in Houston geborene Wahl-New-Yorker verbindet seine an der Seite von Größen wie Pat Metheny, Chris Potter oder Jeff „Tain“ Watts zur Blüte gebrachten Jazz-Skills mit einem Faible für zeitgenössischen Hip-Hop und R&B.
Diese selbstverständliche Doppelexistenz in verschiedenen produktionstechnischen Welten spielt auch auf Francies zweiter Blue-Note-Einspielung nach dem 2018 erschienenen Debüt „Flight“ eine große Rolle. Trap-Beats, subsonische Bässe und elektronisch verfremdete Stimmen stehen hier neben offenen Verweisen auf die Jazzgeschichte. So klingt der 26-Jährige mit seinen unermüdlich rasenden Fingern mal wie Art Tatum, mal wie Kenny Kirkland oder Chick Corea.
Zudem legt er auch Hand an einen Standard wie „My Favorite Things“ und zeigt, dass John Coltranes geheiligte Version nicht das letzte Wort in der Geschichte des Rogers-Hammerstein-Song ist. Gemeinsam mit seinen Rhythmusbegleitern Burniss Travis am Bass und Jeremy Dutton an den Drums sowie den Gästen Mike Moreno an der Gitarre, Immanuel Willkins am Altsaxofon und Joel Ross am Vibrafon verwandelt Francies die Nummer in ein vertracktes Fusion-Gebilde, das Frickel-Bands wie den Dirty Loops zur Ehre gereichen würde. Die Energie, die die neuen jungen Löwen da an den Tag legen, ist geradezu überwältigend.
Was „Purest Form“ aber wirklich bemerkenswert macht, ist die Verletzlichkeit, die Francies zeigt. Selbst athletisch-sehnig wirkenden Kompositionen wie „Levitate“ oder „Transfiguration“ wohnt ein weichherziger melodischer Kern inne, der oft an Franciesʼ Arbeitgeber Metheny denken lässt. Und es sind nicht Bilal oder Elliott Skinner, deren vokale Beiträge am meisten beim Hörer auslösen, sondern die Stimmen aus Franciesʼ engstem Umfeld: die der Mutter, die auf dem Sterbebett einige Töne singt, die der Sohn in ein pointiertes Streicher-Arrangement verwandelt hat. Oder die des Vaters, der aus seinen Memoiren vorliest. Wenn man diese Geschichten über Brüche und harte Einschnitte hört, versteht man besser, welche Wunden und Widersprüchlichkeiten Francies mit seiner Musik zu überwinden versucht. Hut ab vor so viel Mut zur Intimität.

Josef Engels, 03.07.2021



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