"Messiah" und "Harnoncourt": diese Markenartikel schrauben die Erwartungen natürlich in höchste Höhen. Versprechen sie doch eine (Neu-)Interpretation des Barockschlagers abseits des Gewohnten - auf der Grundlage akribischen Autografen-Studiums. Wenn dann die Marketingexperten noch mit Harnoncourts eigenen Vokabeln wie "kühn", "vital" sowie "unerhört" und "eruptiv aufwühlend" werben, dann darf der Hörer Weihnachten und Ostern gleichzeitig erwarten. Oder zumindest eine neue Referenzaufnahme.
Doch gemach! Trotz einiger ungewohnt neuer Phrasierungen und sorgfältigst austarierten Dynamik-Abstufungen: die Referenzeinspielung bleibt weiterhin in Paul McCreeshs Händen. Da mag der Concentus musicus noch so differenziert Händels Besetzungsvorschriften folgen, wonach "große und kleine, eventuell sogar solistische Streicherbesetzung" (Harnoncourt) vorgeschrieben sind; und der Arnold Schönberg Chor mag noch so tänzelnd leicht und luftig viele seiner Partien - pars pro toto: den "Joch"-Chor - präsentieren: an die spiel- und gesangstechnische Brillanz, Emphase und aufwühlende Textausdeutung, die McCreeshs Gabrieli-Ensembles auszeichnet, kommt Harnoncourt nicht heran.
Dass der rebellisch jung gebliebene Altmeister der historischen Aufführungspraxis beim größten "Hit" nicht einfach drauf los schlägt, durfte man erwarten. Er lässt den Hallelujah-Jubel vielmehr provozierend verhalten beginnen, um dann ein fulminantes accellerando anzustimmen, das in eine demonstrativ lange Generalpause vor dem Abschluss mündet. Doch auch solche (und andere) überdeutlichen Ausrufungszeichen mindern nicht den Gesamteindruck: Harnoncourt propagiert en gros eine Abkehr vom Prunkvollen hin zum Asketischen. Das kann man bedauern, ohne gleich in Thomas Beechams "großbritannisches" Schlachtengetöse oder Karl Richters sinfonische 70er-Jahre-Großtat zurückfallen zu wollen.
Dies gilt selbst für die per se prunkvolle messianische Schluss-Apotheose: Harnoncourts Trompeten und Pauken klingen seltsam spitz respektive trocken und hart. Vollends mager kommen die von einem Orgelportativ begleiteten Rezitative daher: so wären sie wohl auch dem puritanischsten Kantor Mitteldeutschlands im 18. Jahrhundert sauer aufgestoßen, geschweige denn dem allseits umjubelten kosmopolitischen Klangmagier in London.
Zur klanglichen Askese gesellt sich die weitgehend brave Tempowahl (wobei die rasanten Ausnahmen nicht unerwähnt bleiben sollen). Ohne einem allzu oft hetzenden Minkowski-"Messiah" das Wort Reden zu wollen, so bleiben doch viele Chorpartien Harnoncourts vergleichsweise betulich.
Die meisten Arien hingegen verströmen eine betörende Frische. Wie überhaupt alle vier Solisten (Harnoncourt verzichtet entgegen der sonst üblichen fünfköpfigen Besetzung auf einen zweiten Sopran) gestalterisch höchst expressiv zu Werke gehen und auch mit phantasievoll-ungewohnten Verzierungen ihre Stilsicherheit in puncto barocker Klangrede unter Beweis stellen. Da kann man denn auch die wenigen intonatorischen Unsicherheiten Gerald Finleys oder auch das stumpfe Mittelregister Christine Schäfers verzeihen.

Christoph Braun, 12.11.2005



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