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N° 1237
22. - 28.01.2022

nächste Aktualisierung
am 29.01.2022



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Josquin Desprez, Antoine Brumel, Adrian Willaert

„In memoria mea“

Cantus Modalis, Seconda Prat!ca, Rebecca Stewart

Carpe Diem/Note 1 CD16325
(67 Min., 6/2021)

Für jeden, der tief eintaucht in die Musik der frankoflämischen Meister des 15. und 16. Jahrhunderts, ist es ein faszinierender Gedanke, er könnte vielleicht mehr erfahren über die Lebensumstände jener Künstler der Renaissancezeit, die so erstaunlich viel in Europa herumgekommen sind und aufs Engste miteinander vernetzt erscheinen. Tatsache ist, dass die Biografien von Josquin Desprez, Antoine Brumel, Johannes Ockgehem oder Guillaume Dufay in weiten Teilen nur umrisshaft rekonstruiert werden können. Allerdings verraten jene Werke, in denen die Komponisten mutmaßlich musikalisch aufeinander Bezug nehmen, manches über ihre Beziehungen zueinander. Rebecca Stewart hat einige jener speziellen Kompositionen, die offensichtlich dem Angedenken an einen verstorbenen Meister gewidmet sind, zum Ausgangspunkt für ihr Programm genommen. Allen voran präsentiert sie Josquins Chanson „Nymphes de bois“, in dessen Stimmengeflecht sich der eigenwillig nach e transponierte gregorianische Introitus „Requiem aeternam“ verbirgt: Das Stück könnte eine Hommage an Johannes Ockeghem sein. Weitere Stücke dieser besonderen Art fügen sich zu einem großartigen Programm, das in Stewarts ebenso ausführlichem wie außergewöhnlichem Beihefttext seine Erklärung findet: Gemeinsam mit Joep van Buchem hat sie eine Art imaginären Lebensbericht Josquins in Ich-Form verfasst, der der Leserschaft jene eingangs erwähnten Einblicke in das Leben Josquins und seiner Zeitgenossen verschafft – auf Basis vieler Annahmen und Vermutungen freilich, ohne Gewähr für durchgängige faktische Richtigkeit.
Auf dieser kreativen Basis könnte das vorliegende Album eine einzige Freude sein – wäre da nicht die Eigenwilligkeit der eigentlichen musikalischen Darbietungen: Rebecca Stewart und ihr Ensemble interpretieren die Kantilenen der vokalpolyphonen Musik mit einer eigenartigen Messa-di-voce-Technik, mittels derer jeder längere Ton auf dynamischer Ebene einen merkwürdigen „Bauch“ bekommt, indem er zunächst an- und dann wieder abschwillt. Diese skurrile Technik konterkariert den grundsätzlichen Legato-Charakter der Musik und stört auch das Spannungsgefüge der vertikal sich ergebenden Harmonik: Selbst wenn eine Stimme auf einen dissonanten Ton zusingt, der eigentlich ein Hochpunkt innerhalb der Phrase sein müsste, bremst der betreffende Sänger oft vor Erreichen des Zieltons dynamisch ab und lässt damit die Musik quasi in ein Loch fallen. Das merkwürdige „Vor und Zurück“ der Musik ist schon nach kurzer Zeit enervierend und verdirbt die Freude an diesem eigentlich fantastischen Programm. Was mag das Ensemble nur zu dieser Art der Interpretation geführt haben?

Michael Wersin, 23.10.2021



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