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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



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„Once Upon A Time: Live in Avignon 1994“

Eberhard Weber

ECM/Universal 3833136
(47 Min., 8/1994)

Eine allerletzte Zugabe hatte der seit einem Schlaganfall nicht mehr spielfähige Bassist Eberhard Weber 2015 mit seinem Album „Encore“ gegeben. Alles, was jetzt noch kommt, wäre ein Märchen. Das zumindest lässt sich am Titel des Konzertmitschnitts ablesen, der nun kurz vor Webers 82. Geburtstag erscheint: „Once Upon a Time“ heißt er und ist die Dokumentation eines Auftritts, den der Bass-Revolutionär 1994 im Rahmen des vom Kollegen Barre Philips organisierten „Festival International de Contrebasse“ in Avignon gab.
Was man da zu hören bekommt, trägt tatsächlich märchenhafte Züge. Weber, der blondgelockte Ritter von der widerspenstigen Gestalt, verzaubert das französische Publikum auf dem Höhepunkt seiner musikalischen Schaffenskraft mit den Klängen seiner elektroakustischen Bass-Spezialanfertigung, die in Form und zugespitztem Ton mehr an eine chevalereske Lanze als an einen schwerfälligen Kontrabass erinnert.
Und auch in punkto Solo-Konzert definierte Weber 1994 die Möglichkeiten neu: Er begleitete sich selbst mithilfe eines Delay-Pedals, das ihm ermöglichte, fünfsekündige Sequenzen aufzunehmen und immer wieder abzuspielen. Was heute dank digitaler Loops eine Selbstverständlichkeit ist, war damals etwas Unerhörtes.
Besonders schön zum Tragen kommt diese innovative Selbstvervielfältigung auf „Once Upon a Time“ in einem Stück, das es bislang auf keiner Aufnahme Webers gab. Im knapp 13 Minuten langen „Trio for Bassoon and Bass“, in dem selbstverständlich weder ein Trio noch ein Fagott zu vernehmen sind, lässt Weber gleichzeitig klar durchstrukturiert wie solistisch freigeistig diverse Schauplätze vor dem inneren Auge entstehen. Ätherische Gesänge in den hohen Lagen treffen auf den dunklen Zauber der tiefen Bassregionen; mal fühlt man sich an den lakonischen Funk des „Dark Magus“ Miles Davis erinnert, mal meint man, eine verwunschene Mandoline zu hören. Und wenn die wie Prinzessinnen-Perlenketten funkelnden Flageolett-Begleitungen allzu lieblich werden, fährt Weber mit mutwillig kratzig gestrichenen Tönen dazwischen wie eine heisere Hexe.
„Once Upon a Time“, das außer dem Standard „My Favorite Things“ ansonsten aus Solo-Interpretationen von Stücken der Weber-Alben „Orchestra“ und „Pendulum“ besteht, legt noch unzählige weitere Zeugnisse für die Verwandlungskünste des Bassisten ab. „Ready Out There?“ sei da erwähnt, das es in seiner Slap-Virtuosität locker mit Stanley Clarke aufzunehmen vermag. Oder „Silent For a While“, dessen synthesizerartigen Klangschwaden so gar nichts mehr mit den Tönen eines Basses gemein haben.
Es war einmal? Dank „Once Upon A Time: Live in Avignon 1994“ lebt es noch heute.

Josef Engels, 01.01.2022



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