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Gustav Holst, Michael Matthews

Die Planeten, Lyric Movement, Pluto

Timothy Pooley, Hallé Orchestra, Mark Elder

Hyperion/Koch 0 34571 17270 5
(75 Min., 3/2001) 1 CD

Gustav Holsts "Planeten" sind schwieriger zu interpretieren als man annehmen könnte. Komme mir da niemand mit "typisch spätromantischer Orchesterschinken, muss man nur vom Blatt dirigieren, dann kann nichts schiefgehen". Was von Dirigent, Orchester und Klangtechnik hier gefordert wird, ist die Realisierung von Extremwerten, und zwar keineswegs nur der Lautstärke.
Holst vertont in seinem Werk die Charaktere der Sternzeichen als Archetypen in ihrer jeweils stärksten Ausprägung: "Mars" ist der Horror des Kriegs schlechthin, "Merkur, der geflügelte Bote", nichts als schnellste Bewegung, "Jupiter" das Ebenbild überschäumender Fröhlichkeit, "Neptun, der Mystiker" bewegt sich im Grenzbereich zwischen Klang und Sphäre - ein schwebendes, geheimnisvoll leuchtendes, völlig entpersönlichtes Stück Musik, zweifellos der interessanteste Satz der Partitur, der das Werk deutlich über durchschnittliche spätromantisch-impressionistische Kost emporhebt. Die Klangtechnik schließlich muss nicht nur die Extreme - soweit sie vom Dirigenten dargestellt werden - abbilden, sondern auch jede Farbnuance der enorm vielschichtigen Partitur zum Klingen bringen, eine fast unlösbare Aufgabe.
Mark Elder gelingt mit dem Hallé-Orchester eine rundum ansprechende, transparente und analytische Einspielung bei opulentem und dynamischem Klangbild; lediglich die Orgel in "Mars" und "Uranus" könnte etwas präsenter sein. Woran es Elders Interpretation jedoch mangelt, sind die Extremwerte: "Mars" ist nicht brutal genug, "Merkur" könnte flinker sein, "Jupiter" überschäumender, "Neptun" klingt eher irdisch-sinnlich als weltentrückt mystisch.
Trotzdem lohnt sich die Bekanntschaft mit dieser CD, und zwar vor allem wegen der beiden Zugaben. Der "Lyric Movement" für Bratsche und Orchester zeigt, wie weit sich Holst gegen Ende seines kurzen Lebens von der großorchestralen Opulenz seiner "Planeten" entfernt hatte: Seine Tonsprache zeigt sich reduziert bis aufs Allerwesentlichste, Linie statt Farbe. In seiner emotionalen und melodischen Sparsamkeit erinnert das Stück gelegentlich an strengere Werke Aaron Coplands.
Dann gibt es noch die postume "Vervollständigung" der "Planeten": Als Holst das Werk 1914-17 komponierte, kannte man den Pluto noch nicht; er wurde erst 1930 entdeckt. Holst interessierte sich nicht dafür, diesen Planeten auch noch zu vertonen. Dies hat nun, auf Anregung Kent Naganos, der britische Komponist Colin Matthews unternommen. Sein "Pluto" erwächst direkt aus dem "Neptun", benutzt die gleiche Orchesterbesetzung wie Holsts Partitur - einschließlich Orgel und Frauenchor - und verwendet einige ihrer Grundmerkmale, besonders rhythmische. Das Stück gefällt mir gut, auch wenn ich nicht glaube, dass damit die Original-"Planeten" bereichert werden. Wer die reine Holst-Version vorzieht, für den gibt es den "Neptun" noch einmal extra, mit dem originalen Schluss.

Thomas Schulz, 23.08.2001



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