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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



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„Naked Truth“

Avishai Cohen

ECM/Universal 3899594
(36 Min., 9/2021)

Was geschieht in unserem Kopf, wenn wir sterben? US-Wissenschaftler der University of Louisville haben unlängst herausgefunden, dass kurz vor und nach dem letzten Herzschlag eines Menschen Gehirnwellen messbar sind, die normalerweise beim Träumen, Meditieren und Abrufen von Erinnerungen auftreten.
Der israelische Trompeter Avishai Cohen wusste von dieser überraschenden Entdeckung nichts, als er im September 2021 mit seinem Quartett in Südfrankreich ins Studio La Buissonne ging. Und doch klingt „Naked Truth“, jene ohne viele vorherige Absprachen eingespielte neunteilige Improvisations-Suite, wie die akustische Illustration dieses Phänomens.
Die gesamte Aufnahme, deren identitätsstiftender Nukleus ein aus acht Noten bestehendes Motiv ist, das im zweiten Teil der Suite vorgestellt und im vierten wieder aufgenommen wird, spielt sich gleichsam in einer Zwischenwelt ab. Die Töne von Cohens gedämpfter Trompete, Yonathan Avishais Klavier, Barak Moris Bass und Ziv Ravitz’ oftmals mit Filzschlegeln bearbeiteten Drums wirken wie in einen geheimnisvollen Nebel getaucht.
Mal wähnt man sich in einem Traum, mal in einer Meditation (was auch daran liegen mag, dass sich Cohen von der Musik des indischen Bansuri-Flötenmeisters Hariprasad Chaurasia inspirieren ließ) und mal in einem Gedankenraum voller Erinnerungen. Da juchzt die vom Harmon Mute befreite Trompete im dritten Suiten-Teil übermütig wie ein kleines Kind oder schließt in Part 2 und Part 4 lebenslange Freundschaften mit einem singenden Bass oder den wunderlich tanzenden Tom-Toms. Und dazu spielt das Klavier kubistisch verzerrte Versionen von Stücken, die man immer am liebsten mochte, deren Namen sich aber unwiderruflich aufgelöst haben. War es von den Beatles (ist Part 7 nicht eigentlich „And I Love Her“?), Bill Evans oder Claude Debussy?
Nackt werden wir geboren, nackt steigen wir ins Grab. Dass diese Erkenntnis keinesfalls eine bittere sein muss, zeigt Avishai Cohen am Schluss von „Naked Truth“ mit der Rezitation des Gedichts „Departure“ von Zelda Schneurson Mishkovsky. Es ist die unsterbliche und tröstende Kraft der Lyrik, die Cohen mit der israelischen Nationaldichterin teilt.

Josef Engels, 05.03.2022



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