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Johann Ludwig Bach

Motetten, Trauermusik

Rheinische Kantorei, Maria Zádori, Lena Susanne Norin, Guy de Mey, Klaus Mertens, Hermann Max

Capriccio/EMI 10560 bzw. Capriccio/EMI 10814
(68 Min., 12/1993) 2 CDs

Unter den Interpreten barocker Sakralmusik darf Hermann Max ein glückvoller Schatzgräber in den Truhen dieser Sparte genannt werden. Dies belegt nun seine Entdeckung des Meininger Kantors und Hofkapellmeisters Johann Ludwig Bach (1677-1731), der, einer Nebenlinie der Bach-Familie entstammend, mit JSB nur indirekt verwandt ist. Auch wenn der grundsolide Tonsetzer nicht mit dem musikalischen Gottesgnadentum seines berühmtesten Clan-Vertreters konkurrieren kann, auch wenn eines der überlieferten Handschriften-Konvolute mit der ungeklärten, nicht eben schmeichelhaften Aufschrift: “Dis kan nicht schleichter seind” versehen ist: Johann Ludwigs Musik ist eine echte Repertoirebereicherung.
Die zu Beginn des 18. Jahrhunderts meist aus Anlass bürgerlicher Beerdigungen geschaffenen thüringischen Motetten warten bei aller Schlichtheit der meist doppelchörigen Satzstruktur mit aparten Solo-Einlagen und Echowirkungen auf. Aus der feinen musikalischen Versinnbildlichung der Texte spricht eine anrührende, gar nicht frömmlerische Innigkeit, hinter der sich reales, konkretes Leid und seine religiös-musikalische Verarbeitung verbirgt. So etwa in “Ich habe dich ein klein Augenblick verlassen”, wo eine Witwe nun auch noch den Verlust ihres Kindes beklagt; oder im tröstlichen “Sei nun wieder zufrieden”. Die in allen Stimmen wunderbar ausgewogene Rheinische Kantorei trifft mit ihrer gewohnt unprätentiösen Leichtigkeit und filigranen Stimmführung haargenau den passenden Tonfall dieser Werke.
In der für seinen Arbeitgeber, den 1724 verstorbenen Herzog Ernst Ludwig von Sachsen-Meinlingen, komponierten, groß dimensionierten Trauermusik weist sich Johann Ludwig Bach als Meister der barocken Affektenlehre wie auch der programmatischen Steigerung aus. Das dreigeteilte Werk setzt wirkungsvoll das menschliche Erdenleben als Kerker der Seele, die Erlösungshoffnung, schließlich die glanzvolle Himmelfahrt und Befreiung in Gott in Szene. Bach trägt dem Rechnung mit einer höchst kurzweiligen Folge und Verknüpfung von Arien, Rezitativen, Duetten Chorsätzen.
Gerade die Chorsätze machen mit ihrer raffiniert synkopischen Rhythmik, ihren effektvollen Dissonanzen, ihren Fugen und schlichten Chorälen, die zur “Erlösung” hin mit Pauken und Trompeten festlich unterlegt werden, dem großen Familiennamen alle Ehre. Den herrlich pulsierenden, geschmeidig phrasierenden Instrumentalisten des Kleinen Konzerts hat Max ein gleichermaßen gestaltungsfreudiges und delikat artikulierendes Vokalquartett an die Seite gestellt.

Christoph Braun, 01.12.1999



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